Leseproben

Dreamtime Saga
Band 1: Hüter der Gezeiten
Band 2: Seelen aus Eis
Band 3: Die Kristallinsel
Band 4: Opal der Träume

The Jade Circle Reihe
Band 1: Tanz des Lebens
Band 2: Melodie des Lebens
Band 3: Gefühle des Lebens
 
Heartbeat-Love-Stories
TRUST ME – Verloren in dir
 
 
 

Chamsa – 5 Tage bis zur Ewigkeit


Hüter der Gezeiten (Dreamtime Saga Band 1)
 

 
Klappentext:
Mystische Visionen einer indianischen Legende erwachen. Auf der Suche nach ihrem Spiegel der Seele entdecken Amy und Michael ihre außergewöhnliche Liebe, die niemals vollzogen werden darf …
 
Amy, eine junge Halbindianerin, sucht ihre Wurzeln. Für ihr Medizinstudium verlässt sie ihren Vater und geht nach Arizona in ein Indianerreservat, den Geburtsort ihrer verstorbenen Mutter. Diese hat ihr auch die Gabe des Visionenlesens vererbt. Immer wieder sieht Amy eisblaue, strahlende Augen, die sie warnen. Ohne es zu wollen, taucht sie in die mystischen vier Gezeiten der Gestaltwandler ein. Diese sind die Hüter der Lilien, der guten Seelen. Sie besitzen die Fähigkeit, sich in ihr Krafttier, den schneeweißen Puma zurückzuverwandeln. Zu ihnen gehört auch der Arzt und Geisterkrieger Michael Cheveyo. Er jagt die Kildaner, denn die Werwölfe wollen die Herrschaft über die Erde erlangen. Als er Amy begegnet, verliert er sich an sie. Ihre Seelen verflechten sich zu einer einzigartigen Liebe. Die jedoch nicht sein darf, denn sie ist eine Auserwählte. Und so wird sie Teil einer Legende, die so alt ist wie die Erde selbst.
 
 
Leseprobe:
Der Eingang des Flagstaff-Medical-Ballsaales war schon von Weitem zu sehen. Die große Auffahrt war strahlend und hell von den unzähligen Fackeln erleuchtet, dazu wiegten sich die Petticoat-Palmen im lauen Wind. Leise Musik war von drinnen zu hören, gemischt mit Stimmengewirr und Gelächter.
Rachel war voller Vorfreude und komplett aus dem Häuschen. Amy und Emily waren nur ihr zuliebe mitgekommen, obwohl keine von beiden diese offiziellen Tanzbälle liebte. Aber beide versuchten das Beste aus diesem angebrochenen Abend zu machen.
Drinnen war es schon ziemlich überfüllt. Frauen in den teuersten Abendroben, die sich gegenseitig die Schau stehlen wollten, umgarnten die gutsituierten Ärzte, Studenten und Geschäftsleute. Die Männer im Saal hatten ihren besten Anzug mit Weste oder Smoking aus dem Schrank geholt und rauchten dazu dicke Zigarren.
Amy rollte angesichts dieser ganzen unwirklichen Barbarella-Inszenierung mit den Augen. Sie wünschte sich zurück in ihr kuscheliges Bett, um sich auf die anstehenden letzten Prüfungsarbeiten dieses Quartals vorbereiten zu können. Emily, die neben ihr stand, schien ähnliche Fluchtgedanken zu hegen. Rachel schnappte sich drei Champagnergläser vom Tablett eines vorbeilaufenden Kellners und reichte jeder von ihnen eines. »Cheers, Mädels. Auf uns und darauf, dass der toll aussehende Doktor Atcitty mir heute einen Tanz schenkt oder vielleicht noch mehr.«
Amy verschluckte sich und spuckte beinahe ihren Champagner wieder in ihr Glas. Sie konnte sich gerade noch beherrschen.
»Rachel, tu mir einen Gefallen und versprich dir nicht zu viel von ihm. Häng dich nicht so an ihn. Ich glaube nicht, dass er dir guttut.«
Amy verschwieg ihr bewusst, dass Blake Atcitty ihr seit Wochen nachstellte und eindeutige frivole Angebote machte. Auf eine Art, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie verstand um nichts in der Welt, was ihre Freundin an diesem aggressiven und kalten Mann nur so anziehend finden konnte. Es war ihr schlichtweg ein Rätsel. In diesem Moment kam Professor Wilson, ihr Förderer und väterlicher Freund, auf sie zu.
»Guten Abend. Selten habe ich drei so junge und entzückende Assistenzärztinnen gesehen, wie Sie es sind.«
Er begrüßte alle drei Mädchen mit einem formvollendeten Handkuss. Der Professor, der wusste, dass sie in ihrer Freizeit in der Hope-Klinik ihren freiwilligen Dienst versah, schaute sie an.
»Doktor Cheveyo ist gestern aus dem Urlaub zurückgekehrt. Wenn Sie möchten, dann mache ich Sie jetzt gerne miteinander bekannt.«
Amy freute sich und gab nickend ihre Zustimmung. Leider hatte sie nicht mit Rachels gutem Hörvermögen gerechnet.
»Prima, Professorchen, das halte ich für eine ausgezeichnete Idee.«
Professor Wilson schien das nicht so zu empfinden. Aber er war wohlerzogen und so nahm er alle drei jungen Damen unter seine Fittiche und geleitete sie durch die dichte Menge hindurch. Ab und zu mussten sie notgedrungen stehenbleiben, weil es einfach kein Durchkommen mehr gab. Den Professor, bekannt bei den meisten Anwesenden, schien das nicht weiter zu stören. Er begann einfach mit dem neben ihm stehenden Menschen ein Gespräch. Amy verspürte keinerlei Lust, sich von ihm bei allen ihr so fremden Menschen vorstellen zu lassen und drehte sich irgendwann ein bisschen zur Seite, so dass sie ein wenig im Hintergrund stand.
Rachel würde ihren Part schon selbstsicher ausfüllen. Sie würde sich zur Not auch selber den anderen Personen vorstellen, wenn der Professor es vergessen sollte. Davon war Amy felsenfest überzeugt. Sie stellte ihr kaum angerührtes Champagnerglas auf einem freien Platz auf den umstehenden Buffettischen ab. Diesem Blubberwasser hatte sie noch nie etwas abgewinnen können. Leicht gelangweilt blickte sie sich anschließend in dem großen Saal um.
Und dann sah sie ihn.
»Mein Gott«, flüsterte sie. Es war, als hörte die Welt auf sich zu drehen. Ein Sternenregen nie gekannter Gefühle durchströmte ihre Adern. Amy umschlang unwillkürlich mit der linken Hand ihren Körper und versuchte langsam wieder zu atmen. Er überragte mit seiner Größe von fast zwei Metern alle anderen umstehenden Gäste um Längen. Seine Gestalt strahlte so viel Stolz, eine so überirdisch und mystische Schönheit aus, dass ihr fast schwindelig wurde. Ein stolzer Indianer, heroisch wie ein Krieger aus alten Zeiten. Sein Körper wirkte kraftvoll gestählt, geschmeidig und muskulös zugleich. Sie schätzte ihn auf etwa sechsunddreißig. Sein tiefschwarzes Haar hatte er leicht zurückgekämmt und es fiel ihm im Nacken in leichten Locken auf die Schulter. In seinem ausdrucksstarken Gesicht hoben sich seine Augen von seinem dunklen Teint überdeutlich hervor. Eisblau – und so klar wie ein Bergsee. Sie nahm seine schwarzen Brauen wahr, die seine schönen Augen umgaben, seine gerade Nase und die vollen Lippen, die sich jetzt im Gespräch mit seinem Gegenüber spöttisch verzogen. Unbewusst glitt ihr Blick zu einer kleinen, fast unsichtbaren Narbe, die seine gesamte rechte Gesichtshälfte bis zum Mundwinkel durchzog. Instinktiv registrierte sie auch seine Aura. Er war freundlich und höflich zu jedem. Aber seine Augen waren wachsam und geschickt verbarg er seine wahren Gedanken. Amy konnte den Blick nicht von ihm wenden.
 
Er war nicht wie die anderen Männer und Professoren im typischen Anzug mit Weste erschienen. Aber mit seiner schwarzen Hose, dem dunklem Hemd, das ihm locker über die Hose hing , kombiniert mit einem gleichfarbigen Sacco sah er dafür umso männlicher aus. Die ersten zwei Knöpfe seines Hemdes waren geöffnet und er trug keine Krawatte oder Fliege. Mit dieser lockeren Natürlichkeit stach er jeden anderen Mann in diesem Saal komplett aus. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich und sie befeuchtete leicht zitternd ihre Lippen.
 
Unwillig schüttelte sie den Kopf, um ihre Gedanken wieder einigermaßen freizubekommen. In diesem Moment drehte er sich um und blickte direkt in ihr Gesicht. Seine tiefblauen Augen fingen ihren Blick auf, als ob er auf sie gewartet hätte. Kein Lächeln, keine Regung war in seinem Gesicht zu sehen und trotzdem war es so, als ob sie sich schon immer kannten. Als wenn er tief, ganz tief, auf den Grund ihrer Seele blicken würde. Unwillkürlich umschlang sie jetzt mit beiden Armen ihren Körper. Mit jeder Faser spürte sie seinen intensiven Blick bis in ihr Innerstes hinein und war zutiefst erschrocken von der Macht der Gefühle, die er in ihr ausgelöst hatte.
 
»Was ist los mit dir, Amy, frierst du etwa?«
Rachel starrte sie verblüfft an. »Hier sind gefühlte 35 Grad im Saal. Dir kann also unmöglich kalt sein. Oder wirst du etwa krank?« Sie begann Amys Puls zu fühlen und schaute ihr dabei besorgt ins Gesicht. Aber Amy reagierte überhaupt nicht. Schließlich folgte Rachel ihrem starren Blick und dann bemerkte auch sie ihn.
»Wow! Mann, sieht der Kerl gut aus. Den würde ich nicht von der Bettkante schubsen. Scheint indianische Adern zu haben. Tanzen die eigentlich nur den Regentanz oder können die sich auch ganz normal zur Musik bewegen?«
Sie legte ihren Kopf schief und betrachtete ihn dabei ganz ungeniert. Emily schaute jetzt auch neugierig zu ihm hinüber.
»Ja, wirklich ein erfrischender Anblick zwischen all den alten Professoren hier drinnen, oder?«
Amy war immer noch vollkommen benommen, antwortete nicht und straffte dann leicht ihre Schultern. In diesem Moment nahm der Professor ihren Arm und dirigierte sie weiter, bis sie vor ihm standen.
»Guten Abend, Michael.« Wilson klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Wie war Ihr Urlaub? Ich habe lange nichts mehr von Ihnen gehört.« Die beiden Männer begrüßten sich herzlich. Man konnte spüren, dass sie sich mochten und sich gegenseitig respektierten.
»Michael, darf ich Ihnen unseren Neuzugang an Assistenzärztinnen vorstellen, das hier ist Emily -.«
Diese begann verzückt zu kichern. »Hallo Doktor, ich habe gehört dass manche Indianer übernatürliche Kräfte haben, stimmt das?«
Gutmütig und spöttisch betrachtete er sie.
»Wenn man es so sagt, wer weiß …«
Ironisch sah er Rachel an und sagte ohne eine Miene zu verziehen: »Und ja, Miss Rachel, ich tanze nicht nur den Regentanz. Ich bin auch durchaus in der Lage, mich normal auf der Tanzfläche zu bewegen.«
Rachel errötete bis an die Schläfen. »Woher wissen Sie, dass ich das gesagt habe? Wir waren doch noch so weit entfernt von Ihnen.«
»Der Wind stand gut, darum habe ich Ihre Worte bis hierher gehört.«
Der Professor lachte dröhnend.
»Michael, Sie sind wie immer ein Witzbold. Darf ich Sie nun dieser jungen Dame hier vorstellen, einer meiner besten Schülerinnen, das ist …«
Michael unterbrach Wilson mit einer leichten, kaum wahrnehmbaren Handbewegung und blickte ihr dann direkt in die Augen.
»Guten Abend, Amy.«
Überrascht horchte Wilson auf. »Kennen Sie sich schon? Ich dachte, Sie sind gestern Nacht erst aus New Mexico zurück gekommen?«
»Ja«, sagte Michael, »wir haben uns schon gesehen … Nicht wahr, Amy?«
Sie erstarrte und konnte den Blick nicht von dem seinem lösen. Jetzt verstand sie mit einem Mal ihre immer wiederkehren Träume: Er, Michael Cheveyo, war die Vision gewesen. Jetzt sah sie ihn nicht mehr schemenhaft. Es war sein Gesicht mit seinen strahlenden, eisblauen Augen, das sie seit mehr als acht Jahren immer wieder in ihren Träumen gesehen hatte. Das meinte er damit, dass sie sich schon gesehen hatten. Der Schleier ihrer Träume schien sich ein kleines bisschen zu heben. Aber noch immer verstand sie nicht, warum er ihr in ihren Visionen immer wieder erschienen war. Was hatte das alles zu bedeuten? Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit hob sie den Kopf und sah ihn scheu an.
»Ja, ja, wir haben uns schon gesehen, guten Abend, Doktor Cheveyo. Wie geht es Ihrem Bruder, ich habe gehört, dass er sehr krank war.«
Er zuckte kurz, fast unmerklich zusammen und blickte sie dann wieder intensiv an.
»Was denn, von Ihnen kommen keine Fragen zu den Kräften oder den Tanzorgien der Indianer?«
Amy lehnte leicht den Kopf in den Nacken, um ihn anzusehen.
»Nein, ich fürchte, ich gehöre eher zu den traditionellen Wesen, die diese Dinge nicht sonderlich interessieren.«
Sie merkte, wie er sich bei ihren Worten fast unmerklich versteifte. Mit einem ernsten Gesicht, in dem sich nicht eine einzige Regung widerspiegelte, entgegnete er: »Ja, ich weiß. Ich habe es gesehen.«
Er murmelte es fast, so dass nur sie es hören konnte: »Und das ist nicht gut, Sie sind nicht gut hier an diesem Ort, Amy!«
Ihr schoss die Röte ins Gesicht und sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
 
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Seelen aus Eis (Dreamtime Saga Band 2)
 

 
Klappentext:
Ihre Welt, in der es nach vanillebestäubten Rosen und geröstetem Rosmarin riecht, wird von einer schwarzen und drohenden Gefahr überschattet. Denn eine verirrte Seele hat das Vademekum des Satans wieder zum Leben erweckt.
 
Schwer verletzt hat Amy den Angriff der Werwölfe überlebt. Jetzt versucht sie schnell gesund zu werden, um sich mit ihrer großen Liebe Michael zu vereinigen. Doch das Schicksal hat andere Pläne mit ihr und stellt sich ihnen erneut in den Weg. Die Eiswelt ist wieder zum Leben erwacht und mit ihr die wirklich kalten Wesen dieser Welt. Michael wird von dem weisen Rat gezwungen, seine geliebte Amy zu vergessen, und muss sich seinem bis dahin härtesten Kampf gegen den Herrscher von Barafu ya Dunia stellen. Der Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Hat ihre Liebe noch eine Chance?
 
 
Leseprobe:
»Mein Gott, ist das herrlich.«
Amy stand vor dem Fenster und bestaunte die atemberaubende, rosablühende Landschaft vor ihren Augen, die nach vanillebestäubten Rosen und geröstetem Rosmarin roch. Das Holzhaus lag auf einer kleinen Anhöhe und gab mit seinen raumhohen Glasfronten einen atemberaubenden Blick auf den See frei.
Der Schnee war hier oben schon geschmolzen. Die gelben und lilafarbenen Krokusse reckten übermütig ihre Köpfchen aus dem saftigen Gras und schmiegten sich eng an die Wacholderbäume. Das Tal erstrahlte in einem schimmernden Grün der meterhohen Pinyon-Kiefern, die sich anmutig auf dem Wasser spiegelten. Hinter dem Seeufer erhoben sich die Bergspitzen in dem strahlendblauen Himmel. Verträumt schloss Amy die Augen und atmete tief die naturreine, nach Frühling duftende Luft ein. Michael trat leise hinter sie und schlang seine Arme liebevoll um ihre Taille.
»Gefällt es dir?«
»Es ist wundervoll und beinahe unwirklich schön, fast wie gemalt«, flüsterte sie.
Vertrauensvoll schmiegte sie sich enger an seinen muskulösen Oberkörper und spürte seinen warmen Herzschlag. Amy genoss das Gefühl, das seine Hände auf ihrem Bauchnabel auslösten. Sie würde auch mit verbundenen Augen immer wissen, dass es seine gefühlvollen Finger waren, die sie berührten und ihre Haut zum Glühen brachten. Für eine winzige Minute gab sie sich dem Zauber des Augenblicks hin und verdrängte den Gedanken an ihren Vater und ihre Probleme.
»Seit wann habt ihr dieses Traumhaus?«, fragte sie andächtig.
»Es ist schon seit Jahrhunderten in unserem Familienbesitz«, murmelte er leise und drückte ihr einen federleichten Kuss aufs Haar.
»Ich hoffe, du erinnerst dich noch daran, dass du dich in einen Gestaltwandler verliebt hast und wir keine normale Familie sind«, schmunzelte er.
»Milton hat das Tal hier entdeckt, als seine Seele zum zweiten Mal wiedergeboren wurde. Ich glaube, das war so vor ungefähr einhundertzwanzig Jahren.«
Amy drehte den Kopf, um ihn anzusehen, und bemerkte den ruhigen und entspannten Ausdruck in seinen Gesichtszügen. Seitdem er zu ihr zurückgekommen war, hatte sich etwas in ihm verändert. Jetzt, da er sich endgültig entschieden hatte, sie in seine Welt mitzunehmen, ging er mit seinem Vorleben und seiner Andersartigkeit viel offener um. Sie war tief ergriffen von der Veränderung in seinem Wesen. Nie zuvor hatte sie ihn so heiter und ungezwungen erlebt.
Am späten Nachmittag, nachdem sie ausgepackt und einen kleinen Imbiss zu sich genommen hatten, spazierten sie zum See hinunter. Nachdenklich hörte sie ihm zu, als Michael von seiner tiefen Einsamkeit und von seinem Schmerz erzählte, nachdem er sie verlassen hatte. Endlich konnte sie ihn verstehen und alles begreifen.
»Ich habe mich nur von dir ferngehalten, um dir die Chance zu geben, eine freie Entscheidung zu treffen. Ich habe es nicht deinem Vater zum Gefallen getan, aber er hat mich in meinen Gedanken bestärkt, nur darum bin ich gegangen. Als du mir deine Liebe damals gegeben hast, da warst du noch nicht verstrickt mit dem Abgrund des Bösen und auch nicht lebensbedrohlich verletzt. Ich möchte nur, dass du genau weißt, worauf du dich einlässt, wenn du dich für mich entscheidest.«
Liebevoll streichelte Amy sein Gesicht. Sie war so froh, dass er wieder an ihrer Seite war. Sie musste nicht mehr überlegen, denn an ihren Gefühlen hatte sie in den unendlich langen Wochen des Wartens niemals gezweifelt. Zärtlich spielte er mit einer ihrer langen Haarsträhnen.
»Du bist wirklich der schönste Schmetterling der Welt, weißt du das?«
Leicht verlegen lachte er auf, aber etwas musste er noch loswerden.
»Wenn du dich auf mich und meine Welt einlässt, dann musst du wissen, dass das Böse niemals aufhört zu existieren. Es ist immer unter uns und wird uns niemals in Ruhe lassen.« Ernst blickte er ihr in die Augen.
»Erinnerst du dich noch an Lanu, den Bruder von Suletu?«
»Ja.« Erstaunt nickte sie.
Michael starrte einem Wildvogel nach, der erhaben über das Wasser flog, bevor er zögernd weitersprach.
»Er war in den vier Welten der Gezeiten wie ein Bruder für mich. Doch seit einiger Zeit empfange ich Visionen, die etwas Schreckliches ankündigen. Ich kann noch nicht sehen, was es ist.« Nachdenklich drehte er sich um.
»Aber es wird etwas Grauenvolles auf die Erde kommen und ich kann nur hoffen, dass wir Hüter der Lilien es besiegen können. Auch darum hatte ich Angst, dich schon wieder in Gefahr zu bringen.« Amy konnte seine Ängste nachvollziehen und nahm seine Hand.
»Michael, ich verstehe das alles. Aber du kannst mich nicht bei jeder Gefahr, die mir droht, sofort wieder verlassen. Entweder führst du mich durch die Gezeitenreise, damit ich unverwundbar werde, oder du tötest mich. Denn noch einmal werde ich es nicht überstehen, dass du mich verlässt.« Michael nickte schuldbewusst.
In stiller Eintracht gingen sie weiter und Amy bewunderte die unzähligen Cliffrosen, die sich wie ein pinkfarbiger Teppich am seichten Ufer entlang schlängelten. Als der Wind auffrischte, legte Michael den Arm um sie und warf einen besorgten Blick zum Himmel.
»Wir sollten langsam zurückgehen, über den Bergen braut sich ein Gewitter zusammen.«
In diesem Moment summte ihr Handy. Nach einem Blick auf das Display wusste Amy, dass sie ab sofort auf sich alleine gestellt war. Thomas hatte mit sofortiger Wirkung alle Zahlungen einschließlich der Miete eingestellt. Sie stopfte das Handy wieder in die Tasche ihres dicken Parkas.
»Dein Vater?«
»Ja«, flüsterte sie tonlos. Sie waren im Schatten der Bäume stehen geblieben und mitfühlend betrachtet er ihr trauriges Gesicht.
»Ich weiß nicht, was ich machen soll, was hättest du an meiner Stelle getan?«
Michael fuhr sich mit der Hand durchs Haar und starrte in den sich immer tiefer verdunkelnden Himmel. Für einen langen Augenblick blieb er stumm. Er konnte ihr unmöglich erzählen, dass Mahu in ihren Visionen noch viel mehr von dem Abgrund gesehen hatte, an dem ihr Vater sich zurzeit befand. Die Spielschulden erdrückten ihn, dadurch wurde er bösartig und schlief kaum noch. Und durch sein immer häufigeres Zuspätkommen in der Universität, musste er um seinen Arbeitsplatz fürchten. Mahu hatte in den letzten Wochen immer wieder versucht, auf ihn einzugehen, und ihm ihre Hilfe angeboten. Aber Thomas hatte sich schon so auf die Verkuppelung von Amy mit Steve und den danach einsetzenden Reichtum versteift, dass er niemanden mehr an sich heranließ.
Welch eine Ironie … Bei ihrem ersten Zusammentreffen, an Amys Krankenbett, hatte Michael wirklich das Gefühl gehabt, von Thomas akzeptiert zu werden. Nun hatte sich das Blatt gewendet. Und im Gegensatz zu seiner Mutter, die immer noch Mitleid mit Thomas hatte, verspürte Michael jetzt nur noch einen tiefen Groll für den Mann, der soeben seine einzige Tochter verstoßen hatte.
Doch es wäre grausam gewesen, Amy mit diesen Erkenntnissen zu verwirren, stattdessen wählte er seine Antwort wohlbedacht: »Wenn du noch nicht mit ihm reden kannst, dann ist das völlig in Ordnung, Amy. Vielleicht müsst ihr euch beide ein wenig Zeit geben, um über das Geschehene hinwegzukommen. Aber irgendwann solltest du wieder mit ihm sprechen. Er bleibt dein Vater, auch wenn er im Moment ziemlich verwirrt ist.«
Einfühlend zog er sie in seine Arme und wiegte sie sanft.
»Denkst du, dass du damit klarkommst?«
»Ich denke schon«, wisperte sie.
»Meine Mutter hat mir vor langer Zeit einen Vermögensfond angelegt, der ist mir vor Kurzem überwiesen worden. Ich denke, dass ich damit ohne Probleme zu Ende studieren kann.«
Michael zog scharf den Atem ein. Ungläubig hob er ihr Kinn und sah sie mit seinen eisblauen Augen an.
»Mein Liebling, das war nicht meine Frage. Durch mein jahrzehntelanges Wandeln auf der Erde habe ich mehr Reichtum angesammelt, als ich je in hunderten von Jahren ausgeben kann. Ich werde immer für uns sorgen können. Meine Frage war, wie du mit deinen Gefühlen zurechtkommst und wie ich dir dabei helfen kann.«
Ehe sie antworten konnte, durchbrach ein ohrenbetäubender Donnerschlag den Himmel. Der nun einsetzende starke Wind wirbelte die Blätter und Tannenzapfen durch die Luft und neben ihnen krachte ein abgebrochener Ast zu Boden. Nur wenige Minuten später fielen die ersten, schweren Regentropfen wasserfallartig zur Erde. Michael drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und versuchte mit lauter Stimme das Rauschen des Windes zu übertönen.
»Halt dich einfach nur gut an mir fest, okay.«
Dann hob er sie auf, durchbrach die zeitliche Dimension und stand im nächsten Moment in der Küche des kleinen Holzhauses. Vorsichtig ließ er sie aus seinen Armen auf den Boden gleiten.
Amy starrte ihn wie hypnotisiert an. Aber das lag nicht an ihrem Erstaunen darüber, dass er mit ihr durch die Dimension geflogen war, nein, es war seine Erscheinung, die sie magisch fesselte. Er stand ganz dicht vor ihr. Atemlos und mit pochendem Herzen betrachtete sie sein tiefschwarzes, regennasses Haar, aus dem die Wassertropfen jetzt wie Kristalle auf sein dunkles Gesicht perlten. Sie sah seinen Oberkörper und seine harten Muskeln, die sich unter dem nassen Pullover scharf abzeichneten. Und eine tiefe Sehnsucht erfasste ihre Seele.
»Komm, zieh die nassen Sachen aus und geh unter die Dusche, bevor du anfängst zu frieren.« Er zog ihr den nassen Parka aus und schob sie kommentarlos ins Bad. Zurück in der Küche nahm Michael sich ein Bier aus dem Kühlschrank und versuchte sich zitternd zu beruhigen. Hätte sie ihn noch eine Minute länger so angesehen, dann wäre seine Selbstbeherrschung zu Asche verglüht und er hätte sie gleich hier in der Küche, auf dem Fussboden geliebt.
 
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Die Kristallinsel (Dreamtime Saga Band 3)
 

 
Klappentext:
An ihrem Hochzeitstag begibt sich Amy auf die lebensgefährliche Gezeiten-Reise, um die Unsterblichkeit zu erlangen.
Ihr Seelengefährte, der Gestaltwandler Michael, glaubt fest daran, dass sie die lange Trance überleben wird und möchte sie danach mit einer Honeymoon-Reise auf die thailändische Kristallinsel überraschen. Nicht ahnend, dass diese abgelegene, romantische Insel von einem grauenvollen Fluch heimgesucht wird.
Mit Hilfe seines besten Freundes, dem Gestaltwandler Sébastien, versucht er hinter das dunkle Geheimnis zu kommen. Der hünenhafte, resolut wirkende Sébastien hat einen gewöhnungsbedürftigen französischen Wortschatz, liebt Bier und hat nur ein Problem – er hasst Hexen.
Doch inmitten sattgrüner Reisfelder, schneeweißer Sandstrände und in einem alten verwunschenen Tempel entsteht, langsam aus der Vergangenheit auftauchend, das Bild jener geheimnisvollen Frau, deren unerklärlicher Schatten die sonnenüberflutete Tropeninsel bedroht. Sébastien steht vor einem Rätsel. Gehen die heimtückischen Morde tatsächlich auf das Konto der Víla, wie die Einheimischen die mystische Wassernixe bezeichnen? Oder sind sie doch einer menschlichen Hand zum Opfer gefallen?
Der Fall lässt Sébastien nicht ruhen – und ruft die dunklen Dämonen seiner eigenen Vergangenheit wach. Denn bei seinen Ermittlungen trifft er auf die wunderschöne, geheimnisvolle Nahla. Eine Tempelpriesterin – und eine Hexe.
Hin- und hergerissen zwischen seinen Vorurteilen und dem knisternden, erotischen Begehren, sie zu lieben, muss er sich entscheiden. Denn nur, wenn sie zusammenarbeiten, können sie den Mörder finden und den Fluch aufheben.
 
 
Leseprobe:
Sébastien trat aus der Fledermaus-Höhle ins Sonnenlicht hinaus und entfernte die Ohrstöpsel mit einem Plopp. Nur widerwillig folgte er Michaels Anweisungen. Aber er war rangmäßig höher gestellt und das musste er zähneknirschend akzeptieren.
Als er sein Anliegen dem Mönch, der ihm das Tor öffnete, vortrug, nickte dieser mit einem weisen Ausdruck auf seinem zerfurchten Gesicht. Dann führte er ihn wortlos zu einem verborgenen Pavillon im Tempelgarten und gebot ihm unter vielen Gesten, dort zu warten.
Schulterzuckend stimmte Sébastien ihm zu. Was blieb ihm auch anderes übrig. Als er Schritte hinter sich vernahm, musste er sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer es war. Nahlas Gesten und ihr Gang hatten sich unauslöschlich in seinen Kopf eingegraben. Hastig griff er nach seiner verspiegelten Sonnenbrille in der Knopfleiste seines Poloshirts und setzte sie auf. Dann drehte er sich zu ihr und begrüßte sie betont fröhlich.
Nur wenige Schritte entfernt blieb sie vor ihm stehen und sah ihn auf rätselhafte Weise an, die er nicht zu deuten wusste. Das Einzige, was er merkte, war, dass sich sein Herzschlag durch ihre Nähe rapide erhöhte.
»Ich rede nicht mit jemandem, der versucht seine Seele vor mir zu verbergen.«
Fassungslosigkeit breitete sich in ihm aus und sein Gehirn war wie weggewischt. »Leck mich« war das Einzige, was er in seiner Wut hervorbrachte.
»Bist du ganz sicher, dass du das willst?«, fragte sie provokativ und Sébastien war zum ersten Mal in seinem Leben sprachlos. Stumm standen sie sich eine Weile gegenüber. Keiner war bereit nachzugeben. Irgendwann erinnerte Sébastien sich wieder an das Zeitfenster, das Milton jedem von ihnen mitgegeben hatte.
Wenn er es nicht schaffte, ihre Kooperation zu erlangen, würden sie die Morde niemals aufklären können. Also atmete er noch einmal tief durch und beschloss, die Grenze, die verbotene Linie zu überschreiten, in einen Bereich, in dem er verwundbar war.
Mit leicht zitternden Fingern nahm er seine Sonnenbrille ab und gab sich damit ihrem Blick frei. Was, um Himmels Willen, sollte er sie fragen, damit sie Vertrauen zu ihm fasste. »Äääh … Erzählen Sie mir etwas über Ihre Gaben. Warum nennt man Sie auf der Insel nur die weiße Hexe?«
Ein feines, wissendes Lächeln spiegelte sich auf ihrem Gesicht.
»Ich stamme von dem Naga-Volk ab. Mein Vater ist einer der Herrscher in ihrer Welt. Ich kann mit meinem Geist in kranke Körper eindringen. Dort spüre ich ihre Schmerzen auf mentaler Ebene. Und die Kraft der Kristallsteine, die es nur hier auf Ko Lanta gibt, bündeln meine Gabe und geben mir die Kraft, die Krankheit aus ihren Körpern zu holen und zu vertreiben.«
Sébastien grunzte skeptisch. Zornig kam sie näher. Ihre veilchenblauen Augen waren verdunkelt. Jetzt war sie eindeutig sauer.
»Warum, um Gottes Willen, sind Sie der Legende und unseren Heilmethoden gegenüber nur so feindlich eingestellt?«, fragte sie erstaunt.
»Weil ich meinen Glauben an gute Hexen vor sehr langer Zeit verloren habe. Ich glaube nur an das, was real ist. Selbst unser Schamanismus und unser jahrhundertealtes Wissen um die Kräfte der Naturmedizin vermag die Schatten des Bösen und die schlechten Gedanken der Menschen nicht zu vertreiben. Ich glaube nicht, dass Ihre Ölmassagen mit Kristallsteinen daran etwas ändern können. Die Welt ist und bleibt ein Sündenpfuhl des Hasses untereinander.«
Sprachlos starrte Nahla ihn an.
»Glauben Sie eigentlich wirklich an das Gute in der Welt Ihres Gezeiten-Bundes. An überhaupt irgendetwas? Oder sind Sie nur eine fluchende, emotionslose Kampfmaschine, die Befehle empfängt?«
»Sacré! Ich rate Ihnen sehr, mich nicht zu reizen. Meine Hemmschwelle gegenüber Hexen ist nicht sehr hoch.«
»Ja, ich denke, das erfasst Ihren Charakter zu hundert Prozent«, konterte Nahla, ohne mit den Wimpern zu zucken.
»Und hören Sie gefälligst auf, hier so herumzuschreien wie ein wildgewordener Neandertaler. Das ist ein heiliger Ort der Ruhe, wo die Menschen wieder zu sich selber finden sollen.«
Sébastien stand kurz vor einer Explosion. Seine Wangenknochen zuckten und er kämpfte gegen seine Selbstbeherrschung an.
»Petite sorcière«, stieß er heiser hervor. Mit einer Geschwindigkeit, die sie diesem groben Mann wohl nicht zugetraut hatte, sprang er an ihre Seite. Danach presste er mit einem wütenden und kehligen Knurren seine harten Lippen auf ihren Mund. Zappelnd versuchte sich Nahla aus seiner groben Umarmung zu befreien. Was allerdings zu einem aussichtslosen Unterfangen wurde, wie sie sehr bald ermattet feststellen musste.
Seine Umklammerung war kräftig und auf subtile Weise erotisch. Unverhofft spürte er, wie sich Nahlas Herzschlag beschleunigte, als er die Wärme seiner stahlharten Muskeln an sie presste. Ein Blick in ihre Augen zeigte ihm, dass sie sich in diesem Moment selber dafür hasste, dass sie seine Nähe genoss.
Daraufhin wurden Sébastiens Lippen zarter. Leicht streifte seine Zunge über ihren Mund und bat um Einlass. Mit einer Hand hielt er weiterhin mit eisernem Griff ihre Arme fest. Seine andere Hand glitt zart über ihren Körper, wanderte lasziv langsam höher.
Hauchzart strich er über ihre Brüste, streichelte sie sanft. So sanft, dass sich ihre Brustspitzen unter seiner Berührungen nach kurzer Zeit aufrichteten. Als seine Finger begannen verführerisch darüber zu streichen, entfuhr ihr ein unterdrücktes Stöhnen, bei dem sich unbewusst ihre Lippen öffneten.
Endlich. Sébastien glitt in ihren Mund und auch seiner Brust entrang sich ein Stöhnen. Ihre Zungen duellierten sich, zögernd gewährte sie ihm Einlass und er schmeckte ihren Geschmack wie eine verbotene Frucht. Verflucht, sogar ihr Mund duftete nach Orange, wie konnte das sein? Er musste sich gegen seine Gefühle wehren, aber der Geschmack verschärfte seine Sinne und brachte seine Erektion zum Glühen.
Merde. Er versuchte es vor ihr zu verbergen. Aber es war unmöglich. Nahla musste merken, wie seine Männlichkeit gegen ihren Unterkörper entflammte – und er hasste sie dafür aus tiefstem Herzen. Sie brachte seinen Körper in schwingende Wallungen, dass er sich bezähmen musste, sie nicht ganz zu nehmen. War es ihr betörender Duft nach Jasmin und Orange, der das Tier in ihm weckte?
Er wusste es nicht. Aber der Zwang, sie für ihre bissigen Bemerkungen zu bestrafen und der Drang, ihren Körper zu fühlen, entfachte ein Fegefeuer der Gefühle in ihm. Seine Hand glitt über ihren Rücken zu ihrem Po und er zog ihren Körper enger an sich. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle. Sie schien auch mit ihren Gefühlen zu kämpfen, wie Sébastien befriedigt bemerkte.
»Nahla! Bitte entschuldigen Sie die Störung …«
Der leise Ausruf brachte sie beide wieder zurück in die Wirklichkeit. Sébastien wirbelte herum und versuchte instinktiv Nahlas aufgewühlte Gestalt mit seinem Körper vor fremden Blicken zu beschützen.
In respektvoller Entfernung stand ein junges Thaimädchen und sah sie aus großen Augen an.
 
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Opal der Träume (Dreamtime Saga Band 4)
 

 
 
 
 
 
 
 
 
Klappentext:
Mit seinen magischen Fähigkeiten löst Jay DeFrancis als erfolgreicher FBI-Profiler selbst aussichtslose Fälle, obwohl er ein Manko hat: Durch ein traumatisches Ereignis an Körper und Seele gezeichnet, hat er keine Erinnerung an sein früheres Leben. Da er den Schleier der Amnesie nicht durchbrechen kann, arbeitet er stattdessen fleißig an seinem Ruf als Bad Boy. Als er im Urlaub in seine Heimat Hawaii zurückkehrt, wird er beauftragt, im Fall einer mysteriösen Mordserie zu ermitteln, die das tropische Inselparadies Kaua’i erschüttert. Dort begegnet er Megan, einer Frau von faszinierender Sinnlichkeit. Ihre unnahbare Aura erweckt eine bisher unbekannte Leidenschaft in Jay. Was er jedoch nicht weiß: Seine Vergangenheit birgt ein dunkles Geheimnis, das eine Frau an seiner Seite in große Gefahr bringen und sie das Leben kosten könnte …
 
Megan Sinclair ist eine junge, mutige Staatsanwältin, deren Leben nach dem Betrug ihres Ex-Verlobten durch strikte Regeln geordnet ist. Sie misstraut den Männern grundsätzlich und meidet lieber jeden Flirt, als noch einmal ein gebrochenes Herz zu riskieren. Als es ihr in einem spektakulären Prozess gelingt, den „Schwarzen Engel“ – einen gefürchteten Mafia-Paten – zu Fall zu bringen, wird sie über Nacht berühmt. Doch mit ihrem Sieg über den Mafia-Clan hat sie sich viele Feinde gemacht. Plötzlich muss sie um ihr Leben fürchten, und nur der geheimnisvolle Telepath Jay kann sie retten. In seiner Gegenwart erlebt Megan Gefühle, die in ihrem strengen Regelkatalog nicht vorgesehen waren.
Doch ist sie bei ihm wirklich sicher?
 
 
Leseprobe:
Eingerahmt von Zuckerrohrfeldern erstrahlte das herrschaftliche Plantagenhaus des Filmregisseurs James Hunter in einem glamourösen Glanz, der an alte Hollywoodfilme vergangener Zeiten erinnerte. Megan stand schweigend an Leos Seite auf der stilvollen Veranda und sah sich staunend um. Es war bereits dunkel. Die Auffahrt des exotischen Gartens war kilometerlang mit brennenden Fackeln erleuchtet, durch die sich eine lange Schlange blitzender Limousinen den Weg zum Eingang bahnte. Die meisten der geladenen VIP-Gäste waren durch eine Flugcharter-Firma von Honolulu eingeflogen worden.
Am Treppenaufgang zur Veranda standen Butler mit Silbertabletts und begrüßten die Ankommenden mit tropischen Cocktails. Während Leo einen großzügigen Schluck seines Blue Hawaiian Drinks, bestehend aus Rum und blauem Curaçao, nahm, nippte Megan verzückt an ihrer Piña Colada und genoss den fruchtigen Mix aus Kokosmilch, kleinen Ananasstückchen und Rum. »James’ Wohltätigkeitsveranstaltungen sind jedes Jahr das Highlight auf Kaua’i, wo die großen Stars der Filmbranche sich gerne zeigen«, rief Leo laut über den Lärm hinweg, während er mit seinem Glas in der Hand spielte.
Tatsächlich erkannte Megan inmitten der vielen Menschen einige bekannte Filmstars, die sich auf der Treppe vor den wartenden Paparazzi in Pose stellten und sich bereitwillig fotografieren ließen. Megan, die sich selbst auf Fotos immer grauenhaft fand, sah fasziniert zu, wie jeder auf Kommando sein Lächeln anzuknipsen verstand. Dabei bemerkte sie sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen völlig identisch aussehende perlweiße und makellose Zähne.
Belustigt fragte sie sich, ob alle denselben Zahnarzt konsultierten, weil die Persil-Beißerchen gerade schwer in Mode waren oder weil sie dort Massenrabatt bekamen. Nachdem die Fotosession der illustren Stars beendet war, flanierten die übrigen Gäste die Treppe hinauf. Die meisten von ihnen waren weiblichen Geschlechts, ohne männliche Begleitung. Neben ihr grinste Leo verhalten.
»Jetzt beginnt das Defilee der einheimischen Schönheiten und der unbekannten kleineren Filmsternchen, die sich jedes Mal um eine Einladung zu diesem Fest reißen.«
»Warum?«, hakte Megan neugierig nach.
»Nun ja, lassen Sie es mich so formulieren: In der Hoffnung auf eine Filmrolle oder um sich einen der unzähligen Millionäre zu angeln, sind diese Frauen bereit, alles zu tun«, flüsterte er ihr mit einem Augenzwinkern zu, bevor er sich kurz entschuldigte, um einen alten Freund zu begrüßen. Megan nickte und schlenderte ein paar Meter weiter. Im Schatten einer Kübelpalme, wo es nicht so überfüllt war, blickte sie sich in dem Saal um. Er war riesig groß und zu allen Seiten durch deckenhohe Glastüren offen.
In den Ecken befanden sich überall Korbsitzmöbel im eleganten Kolonialstil. Auf den Beistelltischen standen Blumengestecke gefüllt mit Orchideen, Flamingoblumen und anderen tropischen Pflanzen, die von kunstvoll geschmiedeten Lampen, die jede wie eine Ananas aussahen, angestrahlt wurden. An den Wänden hingen farbenfrohe Bilder und Aquarelle, die die Schönheit der Insel Kaua’i widerspiegelten. An den Säulen waren Fackeln verankert, die ihren warmen Lichtschein über den Saal ausbreiteten.
Die Luft war getränkt von exotischen Blumendüften, die Megan begeistert einatmete, während sie das lebhafte Geschehen um sich herum beobachtete. Nicht weit entfernt knutschte eine der Inselschönheiten so heftig mit einem Mann, dass keine Briefmarke mehr zwischen ihre aneinandergepressten Körper passte, wie Megan amüsiert feststellte. Keine zwei Minuten später legte der Mann eine Hand auf den Po der Frau und flüsterte ihr etwas ins Ohr, worauf diese lasziv zu lachen begann und nickte, bevor sie gemeinsam nach draußen verschwanden.
Dabei fiel die Blume, die sie im Haar trug, unbeachtet zu Boden.
Bevor sie jemand zertreten konnte, ging Megan spontan auf die Stelle zu und bückte sich. Es war eine Lilie. Sie roch betörend süß, und beim näheren Hinsehen entdeckte sie, dass die purpurnen samtigen Blätter mit winzigen braunen Punkten gesprenkelt waren. Zu schade, um sie irgendwo abzulegen und verwelken zu lassen, schob sich Megan die Blume spontan hinters Ohr, so wie sie es bei vielen vorbeiflanierenden einheimischen Frauen gesehen hatte, und schlenderte auf ihren Platz neben der Palme zurück, um auf Leo zu warten.
 
Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte Jay an einer Säule der umlaufenden Veranda und betrachtete mit halb geschlossenen Augen die farbenfrohe Show, die soeben in der Mitte des Saals begonnen hatte. Ein Feuerwerk aus Gesang und Tanz vibrierte in der Luft. Ein Dutzend halb nackter Frauen in bunten Baströckchen und BHs aus Kokosnusshälften schwangen unter anfeuerndem Applaus ihre Hüften zum Hula. Wie in jedem Jahr schien der kitschige Showzirkus die illustre Gästeschar zu begeistern.
Jay fragte sich, ob irgendjemand von den Anwesenden sich schon einmal die Mühe gemacht hatte, einen richtigen Hulatanz jenseits der albernen Touristenattraktionen anzuschauen. Hula bedeutete für ihn nicht, Brüste in Kokosnussschalen zu quetschen. Zumal der hölzerne BH so gar nichts mit Hawaii zu tun hatte, da sein Ursprung in Tahiti lag. Das, was er hier sah, glich einem geschmacklosen amerikanischen Revue-Kabarett. Nur aus Respekt seinem Auftraggeber gegenüber blieb er auf der Party und ließ die groteske Show über sich ergehen.
Doch mit jedem Augenblick fühlte er sich gelangweilter. Auf Partys zu gehen, das sogenannte Sehen und Gesehen werden und platten Small Talk lächelnd über sich ergehen zu lassen, war noch nie seine Stärke gewesen. Die weiblichen Stars und Sternchen der Hollywood-Society führten wie in jedem Jahr ihre neuesten Kleider und ihr mehr oder weniger vorhandenes Gehirn spazieren. Dazwischen tummelten sich unzählige einheimische Tigerlilys. Die Begleiterinnen für eine Nacht gehörten zu Marilous Escortservice.
Jay wusste nur allzu gut, dass Marilous Truppe hauptsächlich von James Hunter engagiert wurde, damit sie mit ihm auf den Paparazzifotos posierten, um von seinem eigentlichen Wesen abzulenken. Doch daneben boten die Tigerlilys ihre speziellen Dienste den männlichen Partygästen an, welche die Frauen an ihrem berüchtigten Markenzeichen in Form einer gesprenkelten Tigerlilie erkannten. Dieses Szenario begann, ihn von Minute zu Minute mehr zu langweilen. Gerade, als er mit dem Gedanken spielte, sich unauffällig abzuseilen, eilte eine elfenhafte Hawaiianerin auf ihn zu.
Ehe er reagieren konnte, schlang sie schon ihre Hände mit den rot lackierten langen Fingernägeln um seinen Hals und küsste ihn mitten auf den Mund. Gutmütig lächelnd löste sich Jay aus ihrer Umarmung.
»Lass es gut sein, Marilou, heute steht mir nicht der Sinn nach exotischen Spielchen. Ein anderes Mal vielleicht.«
Die Abgewiesene reckte ihre exotischen Glieder und spielte mit der Blume in ihrer hüftlangen Haarmähne, bevor sie lachend erwiderte: »Jay DeFrancis, du bist unverbesserlich. Mit diesem Spruch begrüßt du mich auf jeder Party und dann lässt du mich im Regen stehen und verschwindest einfach.«
»Du weißt doch, dass ich nicht unbedingt auf Tigerlilys stehe«, sagte er mit einem entschuldigenden Schulterzucken. Tatsächlich, dachte er, standen käufliche Frauen noch nie auf seinem Radar. Er war ein Jäger und bevorzugte Frauen, die man erobern musste. Wobei er jedoch peinlich genau darauf bedacht war, sich nie zu verlieben. Die Schatten seiner Vergangenheit hatten ihn tief geprägt. Er war nicht noch einmal bereit, das Tal des Verlustes und die zerstörenden Seelenschmerzen des Verlassenseins zu erleben.
Marilous kokettes Lachen unterbrach seine düsteren Gedanken. »Ich kenne deine Prinzipien, mein Guter. Aber du bist und bleibst nun mal der begehrteste Junggeselle der Insel, wenn du dich herablässt, uns zu besuchen.« Ungeniert glitt ihr Blick über seinen imposanten Körperbau. Sein sandfarbener Haarschopf stand im regen Kontrast zu seiner dunklen Kleidung, die ihm die geheimnisvolle Aura der Unnahbarkeit verlieh.
Zur schwarzen Jeans trug er ein schwarzes Hemd mit hochgekrempelten Armen, das sich eng an seinen Oberkörper schmiegte und jeden einzelnen seiner stahlharten Muskelstränge betonte. Er war ein Prachtexemplar von Mann und sie nahm ihm sein Desinteresse nicht übel. Sie schätzte Männer mit Prinzipien. »Okay, gib mir Bescheid, wenn du doch noch Lust auf mich oder eine meiner Tigerlilys bekommst«, gurrte sie schmeichelnd, bevor sie mit einem kecken Augenblitzen in der Menschenmenge entschwand.
Aufatmend fuhr sich Jay durch seine kurzen Haare, während er ihr gelangweilt hinterhersah. Dabei fiel sein Blick auf eine Frau, die im Schatten einer Kübelpalme an der Marmorsäule lehnte. Fassungslos hielt er die Luft an und versuchte mit aller Macht die Welle der Emotionen, die auf ihn zurollte, abzuschmettern. Er wollte zurückweichen, aber es war bereits zu spät. Die Frau aus seinen Träumen hatte ein Gesicht bekommen.
Es fühlte sich an wie ein Faustschlag in den Magen, der ihn lähmte. Sie war atemberaubend schön. Das knöchellange orangerote Batikkleid schmiegte sich weich fließend um ihre schmale Silhouette, während das eng anliegende Bustier formvollendet ihre niedlichen kleinen Brüste betonte. Ihr feingliedriges Gesicht umrahmten lange mahagonibraune Locken, die in weichen Wellen über ihre Schultern fielen. Eine Zeit lang stand Jay regungslos da, unfähig, seine Augen von ihr abzuwenden. Als hätte sie gespürt, dass sie jemand beobachtete, drehte sich die Frau in seine Richtung um.
Ihre Blicke begegneten sich für eine Sekunde, bevor sie hastig wieder wegsah. Im warmen Schein der Fackeln sah er, dass es ein ausdrucksstarkes Gesicht war. Eines, das nicht von überflüssigem Make-up überdeckt war und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, eine verlockende Anmut ausstrahlte. Sie war zierlich und wirkte schüchtern, aber Jay glaubte nicht, dass das ihr wahres Naturell war. In ihren großen gold schimmernden Augen mit den langen Wimpern sah er einen funkelnden Schimmer, der ihn vermuten ließ, dass sie eine kämpferische und willensstarke Frau war.
Gefangen von ihrer Ausstrahlung, beobachtete Jay, wie ihr Blick suchend über die Menschenmassen glitt. Schließlich hefteten sich ihre ausdrucksstarken Augen auf eine Gruppe von Leuten, die einen Mann umringte, der ihnen mit affektierten Gesten etwas darlegte. Mit seiner viel zu lauten und dröhnenden Stimme schien der grauhaarige Mann im schrillfarbenen Seidenhemd den ganzen Saal beeindrucken zu wollen.
Jay sah an ihrem schief gelegten Kopf und dem Stirnrunzeln, dass sie von dem lauten Intermezzo wenig beeindruckt war. Fasziniert beobachtete er sie aus der Distanz. Als ein Butler vorbeikam, griff er spontan und ohne groß nachzudenken ein langstieliges Glas vom Tablett und ging auf die Frau zu. »Aloha«, sagte er und lächelte charmant. »Wie wär’s mit einem Glas Champagner?«
Überrascht drehte sie sich um. Da Jay sie um fast zwei Köpfe überragte, musste sie zu ihm hochsehen. Für eine Sekunde hatte er das Gefühl, als verrieten ihre Augen eine Spur von Erkennen, gepaart mit Bestürzung, bevor sie wieder einen neutralen Ausdruck annahmen. Trotzdem schien sie sichtlich um Fassung zu ringen. Jay war kurz versucht, in ihre Gedanken einzudringen, um zu sehen, was sie so fassungslos gemacht hatte.
Aber er widerstand seiner Neugier, das wäre unhöflich gewesen. Stattdessen verzog er den Mund zu einem amüsierten Lächeln und sah sie abwartend an. Das schien die Frau an seine Frage zu erinnern. Sie zog ihre schön geschwungenen Brauen bedachtsam in die Höhe. »Nein, danke, ich vertrage Champagner nicht so gut. Ich werde schon nach einem Glas beschwipst und dann man kann mich sofort ins Bett tragen.«
Interessante Aussichten, dachte Jay.
Laut sagte er: »Nehmen Sie den Mann da drüben nicht allzu ernst. James Hunter leidet unter einer ausgeprägten Profilneurose. Damit versucht er nur, seine Homosexualität vor seinen prüden Bossen in Hollywood zu verstecken. Obwohl er es zu verheimlichen versucht, weiß hier auf der Insel jeder, dass sowohl er als auch die meisten seiner Mitarbeiter schwul sind.«
»Das ist der berühmte Regisseur James Hunter?« Entgeistert blickte Megan auf den affektierten Mann inmitten der Gruppe zurück. »Woher wissen Sie das, Mr. …?«
»Mein Name ist Jay. Auf den Inseln nennen wir uns alle nur beim Vornamen. Ich bin auf den meisten von James’ Partys zu Gast. Ich arbeite für die Kaua’i Cessna Flugcharterfirma, die James’ Gäste von den umliegenden Inseln zu seinen Partys fliegt«, erwiderte er leichthin.
»Ich bin Megan«, antwortete sie zögernd, als überlege sie, ihm trauen zu können. Nach einem Moment des Schweigens fügte sie weicher hinzu: »Es muss schön sein, für immer hier zu leben. Von dem wenigen, das ich bis jetzt gesehen habe, zu schließen, scheint es eine wundervolle Insel zu sein. Ich freue mich schon darauf, an meinen freien Tagen alles kennenzulernen.«
Jay vertiefte sein Lächeln und freute sich über ihr ehrliches Interesse. »Ja, Kaua’i ist ein Paradies. Allerdings verbringe ich hier nur meine Urlaube. Den Rest des Jahres arbeite und lebe ich in Los Angeles. Da habe ich auch James kennengelernt. Er drehte in den Hollywood-Studios einen Dokumentarfilm und brauchte dafür den Rat eines Piloten. Seitdem arbeite ich ab und an für ihn.«
Einen Wimpernschlag lang veränderte sich der Gesichtsausdruck der Frau. Jay spürte ihre ungläubigen Blicke abschätzend über seinen Körper wandern. Dabei fühlte er eine prickelnde Wärme, die durch seine Adern zu fließen begann. Gleichzeitig registrierte er, dass ihre Augen einen warmen bernsteinfarbenen Glanz besaßen. Eine Farbe wie flüssiger Sonnenschein, dachte er hingerissen.
Für einen winzigen Augenblick gestattete er sich, in die Perspektive ihrer Gedanken vorzudringen. Als er sah, was hinter ihrer hinreißend hübschen Stirn vor sich ging, verschluckte er sich fast an seinem Champagner. Mit einem amüsierten Glitzern in den Augen stellte er das Glas ab und hatte dabei Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen, ehe er sich wieder umdrehte.
»Sind Sie alleine auf der Party?«, fragte er unverfänglich.
»Nein«, sagte Megan und zeigte auf den Mann, der neben James Hunter stand. »Leo hat mich hergebracht und mich hier geparkt, weil er jemanden begrüßen wollte.«
»Und warum stehen Sie hier so alleine herum, statt sich zu amüsieren?«
Ein verlegenes Lächeln umspielte Megans Mund. »Nun, ich bin zum ersten Mal hier und kenne außer Leo noch niemanden.«
Das erklärte ihre bezaubernde Schüchternheit, dachte Jay, während er sie versonnen betrachtete. Sie wirkte wie eine noch ungepflückte Blume. Rein und unberührt. Obwohl ihr Haarschmuck vom Gegenteil zeugte, was er äußerst bedauerlich fand. Trotzdem gab er seinem Impuls nach und trat ein wenig näher an sie heran, sodass ihre Körper sich jetzt fast berührten.
Zu seinem Erstaunen bemerkte er, wie sie entsetzt die Luft anhielt und zurückwich. Dabei nahm er ihren Duft wahr. Sie wirkte nicht nur wie eine ungepflückte Blume, sie roch auch so. Ihr betörender Geruch war wie ein Spaziergang durch einen duftenden Rosengarten und haute ihn förmlich um. Jay wusste, dass er jetzt sofort gehen sollte, wenn er seinen Seelenfrieden wahren wollte.
Dennoch konnte er sich, entgegen all seiner Prinzipien, ihrer Anziehungskraft nicht entziehen. Während er einen Schritt vortrat und den Abstand zwischen ihren Körpern wieder verringerte, dachte er an das, was er in ihren Gedanken gelesen hatte. Er konnte sich nicht verkneifen, ihr das unter die Nase zu reiben.
»Man sollte sich übrigens nicht durch suggerierende Worte beeinflussen lassen.«
»Wie bitte?« Ein verblüffter Blick traf ihn.
»Ich bin nicht schwul.«
»Oh«, stotterte Megan verlegen. »D-das habe ich auch nicht gedacht.«
»Lügnerin«, sagte er sanft.
Eigentlich wollte er es nicht. Aber die Zweifel in ihrem hübschen Gesicht forderten ihn dazu heraus. Jay bewegte sich so schnell, dass sie nicht den Hauch einer Chance hatte, zu reagieren. Ehe sie ahnen konnte, was er tat, schlang er seine Arme um ihre zierliche Taille und presste sie gegen sich und die Marmorsäule. Er sah, wie sich ihre Augen entsetzt weiteten, als er sich zu ihr hinunterbeugte. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich durch und durch hetero bin«, murmelte er, bevor er den Mund auf ihren presste.
Seine Zunge streifte verführerisch über ihre sinnlichen Lippen, umkreiste erregend langsam die Konturen. Die Frau wand sich heftig in seinem Griff. In ihren weit aufgerissenen bernsteinfarbenen Augen spiegelte sich Empörung und kämpferische Wut. Kampfgeist hatte sie ohne Zweifel. Da Jay jedoch die Statur eines Footballspielers besaß, war das Kräfteverhältnis unausgewogen. Ein Umstand, den er hemmungslos ausnutzte.
In dem ausgelassenen Gedränge der tanzenden Pärchen im überfüllten Festsaal nahm niemand Notiz von ihrem explosiven Gerangel. Er sah, wie sich ihre sonnengelben Augen aufgebracht verdunkelten, bevor sie energisch ihre Hände gegen seinen Oberkörper stemmte, um ihn wegzustoßen. Dabei öffnete sie den Mund und stieß einen empörten Laut aus. Erfreut nahm Jay das zur Kenntnis. Seine Zunge glitt geschmeidig zwischen die halb geöffneten Lippen.
Zärtlich umwarb er ihren warmen Mund und forderte die Frau heraus. Als sich ihre Zungenspitzen trafen, entfuhr ihr ein unterdrücktes Stöhnen – und dann hörte ihr Widerstand plötzlich auf und ihr Körper wurde weich in seinen Armen. Sie reagierte auf ihn und begann mit zögerlich kreisenden Bewegungen das Spiel seiner lockenden Zunge zu erwidern. Jay vergaß, wo er sich befand. Und er vergaß, was sie war. Seine geschmeidigen Hände glitten über den anschmiegsamen Batikstoff ihrer Hüfte und dann weiter hinunter.
Der verführerische Rosenduft berauschte ihn. Er hatte gedacht, er wolle nur ihren verführerisch sinnlichen Mund schmecken. Doch jetzt merkte er, dass ihm das nicht genügte. Ihr an ihn geschmiegter Körper brachte ihn um den Verstand, er wollte alles an ihr kosten. Er löste sich von ihrem Mund. Das Verlangen summte in seinem Blut, als er erotisierend langsam seine Lippen ihren Hals entlangwandern ließ. Zärtlich küsste er ihre warme nach Rosen duftende Haut in der kleinen Kuhle und zog sie noch enger an sich.
Die Musik wechselte zu einer rhythmischen Nummer. Sie merkten es beide nicht, bis ein schnell tanzendes Paar sie unsanft anrempelte. Schwer atmend hielt er sie beschützend fest und stieß einen leisen Fluch aus. Im selben Moment spürte er, wie ihn ein schneidender Schmerz durchfuhr. Fingernägel gruben sich in die Haut seiner Brust und hinterließen eine lange und brennende Kratzspur. Jay stieß einen heiseren Schmerzenslaut aus und sah sie entgeistert an.
»Zum Teufel, was soll das?«
Mit einem leisen Keuchen wand sie sich aus seiner Umarmung und starrte ihn atemlos an. In ihren Augen las er, dass sie um ihre verlorene Beherrschung kämpfte. Seine Küsse schienen ihr also gefallen zu haben. Was zum Teufel war denn jetzt ihr Problem?
»Jay!«
Der energische Ausruf hinter ihnen unterbrach ihn. Mit einem gemurmelten Fluch ließ er seine Hände von ihren Hüften gleiten und wirbelte herum. Vor ihm stand Marilou. »Was machst du da?«, fragte sie, während sie ihre Augen neugierig auf Megan heftete, die hinter seinem breiten Rücken stand. »Ich habe dein Gebrüll bis raus zur Terrasse gehört.«
»Was soll die Frage?«, entgegnete er bissig. »Ich habe nur das gemacht, was du mir angeboten hast, ich habe mich mit einer deiner Tigerlilys bekannt gemacht.«
Ungläubig riss Marilou die Augen auf. Dann lachte sie lauthals auf. »Bist du verrückt? Diese Dame gehört nicht zu meinem Escortservice.«
 
Megan, die unterdessen versuchte, schwer atmend ihren Puls unter Kontrolle zu bringen, erstarrte bei den letzten Worten. Ihr Kopf ruckte hoch. Mit weit aufgerissenen Augen musterte sie Marilou von oben bis unten, bis ihr Blick an dem geschmacklosen und viel zu tief ausgeschnittenen Dekolleté hängen blieb. Als sie zu begreifen begann, erstarrte ihr Körper zu einer Eissäule. Ihr verbrennender Blick bohrte sich in Jay, als wollte sie ihn gegen die Wand nageln.
»Sie halten mich für eine Prostituierte?«, würgte sie hervor.
Jay hörte ihr schweres Schlucken und sah das Entsetzen, das sich auf ihrem Gesicht spiegelte. »Was sollte ich denn sonst denken«, sagte er schärfer als beabsichtigt. »Sie tragen das Markenzeichen von Marilous Tigerlilys.«
Mit einer vorwurfsvollen Geste deutete er auf die gesprenkelte purpurne Lilienblüte hinter ihrem rechten Ohr. Marilou wollte die beiden beruhigen und murmelte ein paar beschwichtigende Worte, doch weder Megan noch Jay nahmen von ihr Notiz. Mit einer heftigen Bewegung riss sich Megan die Lilie aus dem Haar und knallte sie Jay vor die Brust. Dann richtete sie sich vor Wut zitternd zu ihrer vollen Größe von 1,67 auf.
»Diese Blume«, zischte sie erbost, »habe ich auf dem Boden gefunden. Ich habe sie mir angesteckt, ohne mir etwas dabei zu denken. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie ein Reizmittel für testosterongesteuerte Machos wie Sie ist.«
Ihre wütenden Worte schienen in der Luft widerzuhallen. Stumm duellierten sich ihre Blicke. Doch bevor Jay etwas zu seiner Verteidigung erwidern konnte, drehte sie sich um und lief wie von Furien gehetzt die Terrassenstufen in den Garten hinunter. Sprachlos sah er ihr hinterher.
»Warum hast du mich nicht gewarnt?«, zischte er Marilou neben sich zu.
»Weil du nicht auf mich gewartet hast und dich schon selbst vorgestellt hast. Und das nicht gerade von deiner besten Seite, wie ich anfügen darf, mein Lieber«, erwiderte sie kichernd.
»Zum Teufel, Marilou! Ich rate dir sehr, mich nicht zu reizen. Meine Hemmschwelle gegenüber Tigerlilys ist im Moment nicht sehr hoch.«
Jay stand kurz vor einer Explosion. Seine Wangenknochen zuckten und er kämpfte gegen seine Selbstbeherrschung an. Im Nachhinein war es ihm unerklärlich, wie er hatte annehmen können, dass diese schüchterne Lady zu Marilous Truppe gehören könnte. Wie konnte es angehen, dass er sich so getäuscht hatte? Mit den Händen in den Hosentaschen starrte er in den von Fackeln erleuchteten Garten. »Weißt du, wer die Frau ist?«, fragte er über die Schulter.
»Woher soll ich das wissen?« Marilou zuckte mit den Schultern. »Ist doch auch egal. Komm mit, ich stell dich einer echten Tigerlily vor, die mit Sicherheit nichts dagegen hat, mit dir Zungenakrobatik zu üben.«
»Zum Teufel, lass mich in Ruhe mit deinen Mädchen«, donnerte er.
Beleidigt raffte Marilou ihr Kleid hoch und rauschte davon. Gedankenverloren spielte Jay mit der rubinroten Haarperle in seiner Hand. Die Perle war aus ihren Locken gefallen, als sie sich die Lilienblüte abgerissen hatte. Dabei war sie eindeutig wütend gewesen. Er wusste, dass es ihm gleichgültig sein sollte, was sie von ihm dachte. Sie sollte ihm gleichgültig sein.
Aber das war sie nicht, dachte er, während er die Haarperle in seine Hosentasche gleiten ließ. Ihre sonnengelben Katzenaugen hatten sich tief in sein Gedächtnis gegraben.
 
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The Jade Circle – Tanz des Lebens (The Jade Circle Reihe Band 1)
 

 
 
 
 
 
 
 
 
Klappentext:
Die 16-jährige Highschool-Schülerin Faye Conners kehrt nach einem tristen Jahr, das sie bei ihrer geschiedenen Mutter in England verbrachte, zurück in das malerische Fischerstädtchen Monterey, im sonnigen US-Bundesstaat Kalifornien. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft passieren mysteriöse Dinge in Monterey. Eines Nachts wird ihr geliebter Bruder Luke mit einem Nat-Dämonensiegel geprägt. Zeitgleich verspürt sie eine übernatürliche Verbindung zu Wasser und wird von mysteriösen Ohnmachtsanfällen überfallen, aus denen sie mit nassem Haar und blutroten Malen auf den Armen erwacht und sich an nichts mehr erinnern kann. Panisch sucht sie Hilfe und erhält eine geheime Adresse von zwei Brüdern – den Nat-Charmern Liam und Quinton Noyee.
Während Ersterer Faye sofort hilfreich zur Seite steht und scheue Gefühle für sie entwickelt, ist ihr der 17-jährige, attraktive Quin mit den samtschwarzen Augen und seiner rätselhaften Art von Anfang an feindlich gesinnt. Obwohl alles an ihm dunkel und geheimnisvoll wirkt, findet Faye ihn auf seltsame Weise faszinierend. Auch wenn Quin sein Herz in der Gefriertruhe aufzubewahren scheint und sie mehr als einmal den Zwang unterdrücken muss, ihn zu erwürgen, lässt sie sich von ihm nicht einschüchtern und gibt ihm Kontra. Denn nur ein vereinter magischer Moongadawtanz kann ihren Bruder noch retten.
Und dieser gemeinsame Tanz mit Quin verändert ihr gesamtes Leben. Nichts ist mehr so wie es scheint…
 
 
Leseprobe:
Die Tänzerinnen erreichten die Zeremonienstätte, als der Mond am höchsten stand und die Hügelkuppe schon in den Rauch des großen Feuers gehüllt war. Tief unter ihnen toste der Pazifik an das Kliff, während sich im Norden die großen Kiefern dunkel in Richtung der Bergkette hinzogen.
Am Fuß des Hügels standen riesige Mammutbäume, aus denen zwei kupferrote Wildvögel aufstiegen, während das Mondlicht seinen silbrig schimmernden Schleier über die Szenerie ausbreitete. Mit angespannter Miene überlegte Quin, ob es eine gutes oder ein schlechtes Vorzeichen war, dass die beiden Vögel weggeflogen waren. Er stand in seinem markierten Schutzkreis.
Langsam hob er seine Hand und wischte sich den grünen Amarusaft vom Kinn. Die Männer hatten jeweils fünf der trancespendenden Blüten zu sich genommen. Jetzt warteten sie auf ihre Partnerinnen. Insgesamt waren es acht Paare, die in dieser Nacht die Ice Whisperer beschwören wollten. Jeder aus einem anderen Grund. Die Fackeln auf dem Felsenkliff beleuchteten die stille Szenerie. Ein junges Mädchen trat aus dem Schatten des einsamen Waldes.
Nach und nach tauchten auch die anderen Tänzerinnen auf. Von Shivas Rücken verborgen ging Faye mit anmutigen Bewegungen auf das Kliff zu. Doch er brauchte ihr Gesicht nicht zu sehen. Er hätte ihre Aura unter Millionen von Menschen wiedererkannt. Im Dunkel der Nacht sah er die phosphoreszierenden Amarulilien, deren Blüten sich nur im Mondschein öffneten und die jetzt in Fayes hochgesteckten Haaren wie grüne Jade glühten.
Ihre Pupillen waren durch den Blütensaft erweitert, als sie scheu auf ihn zuschritt. Im Hintergrund erklangen die Trommeln und mischten sich mit den Geisterglocken zu einem bebenden Stakkato. Ihr Gesicht leuchtete im Schein der mannshohen Fackeln. Faye sah aus, als schwebte sie mit dem Klanghall. Ihre nackten Füße schienen den Boden kaum zu berühren.
Zwei Meter vor Quin verharrte sie. Langsam kniete sie sich nieder und hob ihre Hand, um mit dem Dolch ins taunasse Gras zu stechen. Mit der Sorgfalt, die Quin sie gelehrt hatte, zog sie im Uhrzeigersinn den magischen Kreis, in dessen Schutz Nat-Charmer Dämonen beschwören können, ohne dabei sich selbst zu gefährden. Die äußere Linie hatte einen Durchmesser von zwei Metern und grenzte unmittelbar an Quins Zirkel.
Zwischen den beiden Kreislinien stach sie die vorgeschriebenen gitterartigen Linien und komplizierten Dreiecke, legte an den Schnittpunkten je zwei azur schimmernde Amarukristalltropfen, um die Sperre gegen jegliche böse Kraft, die beschworen wird, zu verstärken. Dann schritt sie in den Kreis und schloss ihn sorgfältig. Auf ihr stummes Nicken durchstach Quin mit seinem Dolch die Trennungslinien ihrer beider Zirkel.
Dieser winzige Schnitt war die Öffnung zwischen den beiden Welten – der irdischen Welt und dem Pandämonium. Ein vakuumleerer Ort, in dem der Ice Whisperer sich transformieren konnte. Als er wieder hochsah, hörte er Fayes Herz vor Anspannung laut in ihrer Brust hämmern. Mit angehaltenem Atem fragte er sich, ob sie dem dämonischen Ritual gewachsen war. Stumm trat Faye zurück. Dann drehte sie sich in Sonnenlaufrichtung.
Und während Shiva hastig einen beschützenden Zauberspruch murmelte und Liam sich wie erstarrt an Luke klammerte, begann sie zu tanzen. Mit synchronen, fließenden Bewegungen passte sie sich Quins wildem Tempo an. Beide Körper wirbelten in schneller Schrittfolge auf dem magischen Liniengeflecht hin und her, drehten sich mit langgezogenen Schwüngen um die eigene Achse den vier Himmelsrichtungen entgegen und peitschten sich in immer schneller werdenden Tanzschritten gegenseitig in die magische Trance.
Immer darauf bedacht, sich bei ihren blitzschnellen Drehungen nicht in ihren Schutzkreisen zu überschneiden oder sich mit den Armen oder ihren Körpern zu berühren, denn das würde ihren sofortigen Tod bedeuten. Begleitet wurden die Tänzer von den immer schneller werdenden Trommeln, die zu einer rhythmischen Ekstase anschwollen.
Wie immer wurde der Moongadawtanz in der Gemeinschaft ihres geheimen Zirkels ausgeführt. Um jeden der acht Schutzkreise standen jeweils mehrere Personen, die selbst nicht tanzten, um den Nat-Charmern zu helfen, da diese manchmal ihre Trance nicht kontrollieren konnten und ohnmächtig wurden. Auf diesen Moment warteten die Ice Whisperer bei jedem Beschwörungstanz – dann drangen sie in einer einzigen Sekunde in den Tänzer ein und dieser war für immer besessen.
In immer enger werdenden Kreisen drehten sich Faye und Quin entgegen dem Uhrzeigersinn, während die Umstehenden in einem bestimmten Rhythmus klatschten und die weißen Hexen unter ihnen mit ihren Beinen aufstampften, an denen ihre Fußrasseln hingen. Um Fayes magischen Schutzkreis herum standen Liam, Jhonfran, Shiva und Melissa. Immer wieder sah Quin, wie sie ihre Hände beschützend um Fayes Körper schlangen, um sie aufrecht zu halten.
Als der Mond auf dem höchsten Punkt am schwarzen Himmel stand, war es so weit. Das Silberlicht schien auf ihren zitternden Körper herab und ließ die magischen Muster aus verschlungenen Linien in ihrem Kreis aufglänzen. Faye hielt inne. Sie schloss ihre Augen – und rief mit klarer Stimme den Dämon:
 
»Ich beschwöre den, dessen Kreatur sie im Süden und im Westen Eheyt nennen.
Dein Blut Elijon, das zwischen dem Westen und dem Norden fließt.
Eloha, deiner Gedanken Finsternis, gebettet im Norden und im Osten.
Ich rufe dich bei deinem wahren Namen: Erarchon!«
 
Die Trommeln verstummten abrupt. Aus einer silbernen Schale, in der geröstete Mistelzweige schwammen, wehte ein süßer, schwerer Duft über die grasbewachsene Lichtung. Der Wind zerrte einzelne Locken aus Fayes hochgesteckten, dunklen Haaren und blähte die Gewänder der Umstehenden auf. Das Portal hatte sich geöffnet. Danach herrschte Stille auf dem Seal Rock Cliff. Die Flammen der Fackeln huschten wie Irrlichter hin und her.
Hitze schlug Faye entgegen. Sie öffnete die Augen. Ein Geruch, der ihre Kehle zum Würgen brachte, stieg in die Höhe. Der Boden … Von panischem Schrecken erfasst sah Faye nach unten. Zwischen den verwobenen Beschwörungslinien war ein dunkles Mal aufgetaucht, das sich unaufhaltsam auf sie zubewegte. Ein blendendes, alles verschlingendes lavaglühendes Licht zischte über die beiden ineinander verschlungenen magischen Kreise.
Als der Rauch sich langsam legte, drehte Faye sich in Sonnenlaufrichtung und sah sich Auge in Auge mit der dämonischen Kreatur. Erarchons mächtiger Körper und eine Gesichtshälfte waren rechtsseitig mit pechschwarzem Fell behaart. Seine dunklen Haare glänzten ölig im Mondschein. Er bewegte sich jetzt lauernd auf sie zu. Seine Lippen verzogen sich zu einem zynischen Lächeln, das zwei spitze Fangzähne entblößte. »Warum hast du mich gerufen, Meermädchen?« Die Art, wie er sie ansprach, und die Kälte in seiner Stimme ließen Faye zur Salzsäule erstarren.
»Fass sie nicht an«, schrie Quin und rannte entschlossen auf die Verbindungslinie beider Kreise zu. Doch als er die Hand ausstreckte, durchzuckte – wie von einer unsichtbaren Macht ausgeführt – ein heftiger Schlag seinen Körper, der ihn abrupt zu Boden schleuderte und fast aus dem beschützenden Kreis herauskatapultiert hätte. Erarchon bleckte seine Fangzähne.
»Quin, wie nett, dich wiederzusehen«, höhnte er. »Aber alles zu seiner Zeit. Wie du siehst, stehe ich nicht in deinem Beschwörungskreis. Wenn du dich also noch einmal in meine Unterhaltung mit diesem wunderschönen Menschenkind einmischst, wird mein Lavamana dich töten.«
Vorsichtig und in gebührendem Abstand robbte Liam sich über das Gras zu Quin herüber. »Bleib ruhig, Bruder. Du kannst Faye jetzt nicht helfen. Er hat deinen Kreis gebannt und …« Er schnappte geräuschvoll nach Luft. »Er belegt dich in dieser Sekunde mit einem Sprechtapula.«
»Dann hilf du ihr, verdammt noch mal. Du hast sie schließlich benutzt, um dich bei ihr einzuschleimen. Als wenn es dir um Luke ginge …«
Schwer atmend kam Quin auf die Beine und sah, dass Liam ihn verständnislos ansah. Das Tabu wirkte also schon – niemand außerhalb seines Beschwörungszirkels konnte ihn hören. Es lag Quin nicht im Geringsten etwas an dem widerspenstigen Mädchen, und doch berührte sie einen wunden Punkt in seinem erkalteten Herzen, den er selber noch nicht kannte.
Taumelnd sah er sich um und dann erkannte er die Illusion. Der Ice Whisperer hatte die Umgrenzungslinie seines Schutzzirkels mit unsichtbaren elektrostatischen Gittern versehen. Und die Illusion war eine ziemlich schmerzvolle Wirklichkeit, stellte er böse fest, als der Geruch von verbranntem Fleisch an seiner Hand ihm in die Nase stieg. Mit zusammengebissenen Zähnen musste er hilflos mit ansehen, wie Erarchon auf Faye zuglitt. Ihr schlanker Körper bebte im glühenden Schein des Feuers. Ihre haselnussbraunen Augen waren vor Angst weit aufgerissen.
»Also, was willst du von mir wissen?«
»Ich will«, stieß sie trotz all ihrer Ängste tapfer hervor, »dass du das Siegel löschst, mit dem mein Bruder Luke geprägt wurde. Und auch das von Liam Noyee.«
»Tztztz … Zwei Wünsche auf einmal?«
Seine schwarzen Wolfsaugen zuckten in einem Anflug von Spott, als er sich zu ihr herunterbeugte. »Vielleicht sollte ich dir vorher meine Forderungen darlegen, bevor ich bereit bin, dein Anliegen zu prüfen.«
Bei seiner Frage streifte sein heißer und fauliger Atem ihr Gesicht, und als sie ihren Kopf angewidert abwandte, erblickte Faye an seiner rechten Hand spitze, gekrümmte Krallen. Ein boshaftes Lachen verzog sein grässliches Antlitz, seine Augen begannen begehrlich zu flackern und der Speichel sabberte aus seinem Mund. Gemächlich beugte er sich noch dichter zu ihr herunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Faye erstarrte. »Einverstanden.« Es war ein verzweifeltes, hilfloses Flüstern.
Erarchons Gesicht verwandelte sich in eine geißelnde Fratze, als er heiser und bösartig auflachte. Mit einem gewaltigen Satz katapultierte er sich nach vorne und unter einem gebieterischen Fauchen winkte er Liam und Luke zu sich. Tief atmend akzeptierte Liam den Befehl, griff Lukes Hand und gemeinsam traten sie an den Rand von Fayes Zirkel. Die Hand des Ice Whisperers schnellte vor und unwillig betrachtete er zuerst Liams gebrandmarkte Körperstelle. Seine Wolfsaugen wurden schmal, als er zu Luke kam.
»Das ist ein tribales Todessiegel. Drei in einem – nicht sehr nützlich, aber tödlich«, stellte er mit mitleidsloser Stimme fest.
»Kannst du uns helfen?«, fragte Liam.
»Nein, nicht so, wie du dir das vorstellst.«
Erarchon sah ihn herausfordernd an. »Für dich, Liam, kann ich gar nichts tun. Nicht, dass mir das leidtäte«, murmelte er mit einem grausamen Lächeln, das seine Fangzähne zeigte. »Aber eure beiden Natsiegel stammen vom gleichen Magier ab, vom neuen Black Mager des Granat-Zirkels. Sein Omegazeichen ist mit einem Schutzbanner belegt. Ich kann es nicht löschen, aber …«, sagte er mit einer plötzlich so sanften Stimme, die allen noch mehr Angst machte als die Kaltherzigkeit zuvor, »… ich kann es umverteilen. Und damit wären wir wieder bei dir, kleines Mädchen.« Mit einem Satz stand er wieder neben Faye.
»Wenn du bereit bist, eines der drei Siegel von deinem Bruder zu übernehmen, kannst du ihm damit etwas Lebenszeit schenken.«
Nur kurz huschte ihr Blick zu Jhonfran und den anderen Umstehenden, die erstarrt den Kopf schüttelten. Dann fiel ihr liebevoller Blick auf Luke. In einer einzigen Sekunde schluckte sie den eisigen Klumpen Angst, der ihre Kehle zuschnürte, herunter und sie trat, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Schritt auf den Ice Whisperer zu. Einen hämischen, unmenschlichen Ton ausstoßend, sprang er vor und krallte seine Klauenhand in Lukes Tribalsiegel.
Aufschreiend sackte Luke zusammen. Verzweifelt versuchte Faye, ihn zu stützen. Doch zeitgleich sprang Erarchon sie an und riss sie mit sich herunter. Ihr blieb keine Chance mehr, ihm auszuweichen. »Denk daran, was du mir versprochen hast. Wie sehen uns wieder, vergiss das nicht«, flüsterte er in ihr Ohr.
Dann begann die Erde sich um sie zu drehen, sie sah die Sterne vor ihren Augen tanzen, als sie langsam zu Boden fiel. Er hatte seinen Zeigefinger mit der spitzen Kralle tief in ihren Hals gebohrt. Der absolute, unmenschliche Schmerz, den sie daraufhin verspürte, nahm ihr die Kraft zum Schreien. Sie fühlte, wie das Blut langsam aus der Wunde quoll. Doch ein Blick auf Luke ließ sie erleichtert ausatmen – statt des Todesmals prangte nur noch ein duales Dämonensiegel auf seiner Brust.
 
Tatenlos musste Quin das Geschehen mit ansehen. Frustriert stieß er einen tiefen, heiseren Schrei der Wut aus. Der Kopf der dämonischen Kreatur schnellte hoch und Quin blickte in die heimtückisch blitzenden Pupillen von Erarchon. Der katapultierte sich in die Luft und fletschte ihn teuflisch grinsend an, bevor er sich zu ihm hinunterbeugte.
»Kannst du Wahrheit von einer Lüge unterscheiden?«, zischte er Quin ins Ohr. Danach passierten zwei Dinge gleichzeitig: Die Illusion der Gitterstäbe verschwand, und Quin spürte ein entsetzliches Pochen in seiner Hand – dort, wo Erarchon seine blutgetränkte Kralle in die verbrannte Wunde seiner Hand geschlitzt hatte.
 
Sie standen am Rand der Seal Rock Cliffs. Mit zitternden Händen umarmte Faye ihren Bruder, der sich stumm an sie klammerte. »Jetzt wird es auch Auswirkungen auf dich haben«, sagte Liam und drückte dabei mitleidig ihre Hand. »Du wirst entsetzliche Alpträume bekommen.«
Faye nickte. Sie schien durch alle hindurchzusehen. »Hauptsache ist, dass Luke einen Aufschub bekommt. Alles andere wird sich finden. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich möchte einen Augenblick alleine sein.« Mit einer leichten Drehung schüttelte sie Liams Hand ab, streichelte Luke kurz übers Gesicht und überquerte danach mit einsamen Schritten die nun wie ausgestorben daliegende Lichtung. Liam und Jhonfran tauschten bestürzte Blicke aus.
Beide hatten in Fayes hellbraunen Augen gesprenkelte grüne Punkte entdeckt. Dazu waren ihre Hände und Arme mit stecknadelgroßen, dunklen purpurfarbenen Punkten übersät, die mit ihren Hautporen zu verschmelzen schienen, so als wollten sie alle Lebensenergie aus ihrem Körper saugen. Die ganze Zeit über war Shiva seltsam still gewesen. Lange Minuten blieb sie starr stehen und heftete ihre geheimnisvollen Augen fest auf Quin, der etwas abseits der Gruppe stand und in dessen Gesicht sich ein seltsamer Ausdruck spiegelte.
Nun hob Shiva ihren Kopf und antwortete auf Lukes stumme Frage: »Die Male an Faye sind die ersten Anzeichen gewesen, dass sich die phosphoreszierende Mächte der Amarulilien in ihrem Körper gebündelt haben und ihre Kraft erwacht ist.« Verwirrt runzelte Jhonfran die Stirn. »Ich verstehe nur Bahnhof – welche Kraft meinst du, Shiva?«
»Das werden wir erfahren, wenn das Schicksal dazu bereit ist«, erklärte Melissa kurz angebunden, ehe sie sich zu Luke umdrehte. Er stand verloren und schwerfällig da, als wäre er gerade aus einem Alptraum erwacht. »Es wird alles wieder in Ordnung werden. Das verspreche ich«, flüsterte Melissa.
Bevor er antworten konnte, strich sie ihm zart übers Gesicht und drückte ihn, als wollte sie ihn nie mehr loslassen.
 
Der jetzt aufkommende, heftige Wind spielte mit seinen halblangen Haaren und jetzt spürte er das Pochen in seiner Handfläche immer mehr. Er sah zum Himmel hinauf, an dem sich mittlerweile der erste mauvefarbene, zarte Schleier der beginnenden Morgenröte abzeichnete. Die Fackeln waren alle heruntergebrannt und die Umgebung des Seal Rock Cliffs wurde nur noch leicht von den einzelnen phosphoreszierenden Lichtern der Amarulilien auf dem See beleuchtet.
Ein seltsames, fremdes Gefühl bemächtigte sich immer heftiger seines gesamten Körpers und wurde stärker. Es war etwas, das er noch niemals zuvor in seinem Leben gefühlt hatte. Wütend versuchte er dagegen anzukämpfen. Er hasste es, gegen seinen Willen etwas zu fühlen – überhaupt etwas zu fühlen. In seinen Überlegungen hatte er sich weit von der Gruppe entfernt.
Ein dumpfes Donnergrollen erklang. Kurz darauf durchzuckte ein heller Blitz den aufkommenden Morgenhimmel. In der nächsten Sekunde legte sich ein wabernder Nebel über die Umgebung und tiefschwarze Wolkenberge senkten sich über die Ebene. Stirnrunzelnd versuchte Quin einzuschätzen, wie weit das Gewitter noch entfernt war. Im Stillen zählte er die Sekunden und beobachtete dabei das elektrostatische Wetterleuchten über dem Pazifik.
In diesem Augenblick fiel sein Blick auf sie und er zog scharf den Atem ein. Faye stand mit ihrem meergrünen Kleid, an dem der Wind unbarmherzig zerrte, auf einem Felsenvorsprung. Sie hatte die Arme um ihre Brust verschränkt und blickte einsam auf die aufschäumenden Wellen am Horizont. Regungslos verharrte Quin auf der Stelle; seine Wunde pulsierte heftig. »Hallo«, murmelte er, als er lautlos an ihre Seite trat.
Doch das Tosen der aufschäumenden Wellen verschluckte seine Worte. Auch war sie so in ihre Trance versunken, dass sie nichts um sich herum wahrnahm. »Verdammt. Lunababe, warum konntest du nicht ein einziges Mal auf mich hören«, fauchte er sie an. »Ich habe dich gewarnt, dass du für den Beschwörungstanz noch nicht bereit warst. Und jetzt bist du auch mit einem Natsiegel geprägt.«
Als ob sie seine Anwesenheit spüren würde, drehte Faye sich zu ihm um. Schweigend sah sie ihn an – ein langer, flehender Blick, der um Verständnis bat. In diesem Moment, nur dieses eine Mal wünschte sie, dass er etwas fühlte und verstand. »Auf das Warum kommt es nicht an, Quinton. Es kommt darauf an, dass ich es getan habe. Ich habe meinem Bruder Zeit geschenkt – Zeit, die er sonst nicht hätte.« Er starrte sie bei ihren Worten wie versteinert an.
Sein Blick streifte ihren Körper im aufkommenden Sturm. Ihre Finger waren blau vor Kälte, auch ihre Arme. Sie zitterte. Am ganzen Körper bildete sich eine Gänsehaut und ihre Zähne schlugen aufeinander. Ihr seidenes Kleid klebte durch die Feuchtigkeit des Meersalzes an ihrem Körper und verbarg keinen Zentimeter von ihren verführerischen Rundungen.
Wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, hob er seine Hand und strich ihr sanft eine nasse, dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Mit großen Augen sah Faye ihn an. Stumm trat sie näher, beugte sich zu ihm und presste wortlos ihren zitternden Körper gegen den seinen. Mit einer unbeholfenen Geste streichelte Quin über ihren bebenden Rücken. Er wusste, dass ihr Bewusstseinszustand durch die enthemmenden Amarulilien noch immer verändert war.
Die berauschende Wirkung würde erst nach 24 Stunden nachlassen. Bei ihm zeigten die betäubenden Blumen normalerweise nie eine große Wirkung; er konnte sich immer alleine in den Rausch der Trance tanzen. Aber heute war es anders; alles war irgendwie anders – sein eigener Körper gehorchte ihm nicht mehr. Als er den metallischen Geruch von Blut roch, wischte er sich mit einer ungeduldigen Handbewegung das dünne Rinnsal von der Nase.
Angestrengt verbarg er seine Gedanken und war wachsam, während er keuchend versuchte, die Schmerzen, die seine verbrannte Handfläche durchschnitten, vor Faye zu verbergen. Voller Entsetzen registrierte er die Veränderung, die in seinem Inneren vorging. Wie im Fieber beugte er zentimeterweise seinen Kopf, neigte sich immer näher zu ihr herunter. Vorsichtig berührte er mit den Lippen ihren Mund – und ein tiefes Begehren brannte in ihm auf.
Durch seine Verletzung geschwächt, wurde er weich und gab seiner unerklärlichen Sehnsucht nach. Es war ein sehr ungewohntes, aber auch mächtiges Gefühl. Mein Gott, er brauchte sie jetzt so sehr, wollte sie fühlen. Seine Zunge suchte ihren Mund. Schmeichelnd teilte er ihre weichen Lippen und bat um Einlass. Als Faye seinen Kuss zaghaft erwiderte, schlang er seinen Arm um ihre kalte Gestalt und zog sie eng an sich. Ein heiseres Stöhnen kam aus seiner Kehle, als er bemerkte, dass Fayes verführerischer Körper sich ihm wohlig entgegenstreckte. Das Blut begann in seinen Adern zu rauschen.
»Verdammt, Lunababe, was machst du mit mir?«, murmelte er. Verzweifelt kämpfte er um seine Selbstbeherrschung. Doch ihre weiche Haut unter seinen rauen Händen brachte ihn um den Verstand. »Du solltest weglaufen, so schnell du kannst«, flüsterte er erstickt an ihrem Hals. Doch statt sich aus seiner Umarmung zu lösen, bemerkte Quin, wie ihr Körper zum Leben erwachte und ihre Sinne unter seinen leidenschaftlichen Berührungen erzitterten.
»Zur Hölle.« Stöhnend umschlang Quin mit den Händen ihren Nacken und zog sie näher zu sich heran. Rau berührte er mit seinen Daumen ihr Gesicht. Dann beugte er sich langsam zu ihr hinunter. Er küsste sie hart und fordernd. Trotzdem schmiegte Faye sich enger an ihn. Seine Zungenspitze eroberte ihre Lippen und sie öffnete sich ihm bedingungslos. Ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle und das Blut begann in seinem ganzen Körper zu pochen.
Schüchtern vergrub Faye ihr Gesicht an seinem Hals und strich zärtlich über sein regennasses Haar. Tief sog er ihren jasmingetränkten Kirschduft ein, liebkoste ihr Gesicht und seine Lippen streiften ihre Schulter. Dann eroberte er wieder ihren Mund, der auch ganz leicht nach Kirschen schmeckte. Es schien ihr reiner, ureigener Duft zu sein.
Sanft streichelte Faye seinen Rücken. Sie spürte seinen harten und muskulösen Körper an dem ihren, und für den Windhauch eines kleinen Moments schien sie das die Sorge um ihren Bruder vergessen zu lassen. Wie in Trance strich sie ihm durch sein Haar und atmete dabei den warmholzigen Amberduft seiner Haut ein. Quin blickte in ihre Augen, die durch die enthemmenden Amarulilien smaragdgrün aufglühten, und er sah ihr bedingungsloses Vertrauen darin aufleuchten. Leise stöhnte er auf.
»Lunababe … Du solltest überhaupt nicht hier sein, nicht an diesem dunklen Ort zwischen den Welten und nicht hier in meinen Armen. Ich bin nicht gut für dich. Hierfür wirst du mich später hassen. Also lauf weg, bevor es zu spät ist …« Eine tiefe quälende Sehnsucht floss wie ein heißer Strom durch seine Adern, als sie trotzdem ihren Körper vertrauensvoll an ihn schmiegte.
»Hör nicht auf deine gefühlskalte Seele«, wisperte sie. »Liebe mich …«
Trotz des orkanartigen Sturms, der über ihnen tobte, hatte Quin ihre leise geflüsterten Worte an seinem Ohr gehört. Abrupt löste er sich aus ihrer Umarmung und stieß sie schwer atmend von sich. Der Regen peitschte in ihr Gesicht, während Faye schockiert versuchte, das Gleichgewicht zu halten.
»Was hast du?«, stieß sie zitternd hervor und sah ihn verständnislos an. Quin stieß einen Fluch aus. Frei gelassene Schutzreflexe rasten adrenalingetränkt durch seine Körperzellen. Ihre liebevolle Aufforderung hatte ihn schlagartig in die Gegenwart zurückkatapultiert und ihn wieder an das erinnert, was sie war – das Mädchen, das sein Bruder begehrte.
»Lunababe«, flüsterte er unterdrückt, »geh zurück zu den anderen. Und zwar schnell, verdammt noch mal.« Mit zusammengepressten Lippen drehte er sich um und blickte auf das aufgewühlte Meer.
»Musst du eigentlich immer so verdammt kontrolliert sein?«, fragte Faye zaghaft und fasste nach seiner Hand. »Quin, bitte. Mir geht es furchtbar schlecht. Ich brauche dich jetzt.«
Wie von einer Tarantel gestochen wirbelte er herum und schüttelte dabei wütend ihren Arm ab. »Du brauchst Trost? Warum suchst du dir dann nicht jemand weniger Fürchterlichen dafür?«
Von seinem plötzlichen Ausbruch erschüttert, wandte Faye sich erschrocken ab und versuchte ihre Tränen zu unterdrücken. Mein Gott, er war tatsächlich noch gefühlskälter als die Antarktis im tiefsten, zugeschneiten Winter. Durch nichts zu erschüttern. Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte sie sich gequält zu ihm um und streckte ihm ihr regennasses Gesicht entgegen.
»Manchmal muss man Gefühle zulassen. Das nennt man Leben, Quin.«
»Das kann ich nicht«, erwiderte er erstickt.
»Das ist keine Antwort.«
»Doch. Und es ist die einzige, die ich dir geben kann. Du solltest mittlerweile bemerkt haben, dass ich egoistisch und gefühlskalt bin.« Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich unwohl dabei, einen Menschen seelisch zu verletzen. Er hasste sich dafür, ihr wehzutun, aber er konnte einfach nicht aus seiner Haut.
»Du bist ein eingefrorener Eisklotz, der Angst vor dem wirklichen Leben hat«, schrie sie ihm zu. »Irgendwann wirst du in dieser Leere ertrinken. Ist es denn so furchtbar, etwas zu fühlen – irgendetwas zu fühlen?«
Der Anblick ihres kreidebleichen Gesichts und ihrer vor Erschöpfung schwankenden Gestalt auf dem Kliff versetzte ihm einen Stich. Fluchtartig drehte er seinen Kopf und blickte stumm auf das aufschäumende Meer.
Verloren stand Faye hinter ihm und streckte ihm ihre zitternden Hände entgegen. Verzweifelt hoffte sie auf ein Wort von ihm oder eine Reaktion. Aber er stand nur steif wie eine Marmorstatue da. Sein Gesicht spiegelte keinerlei Gefühlsregung wider. Am Ende ihrer Kräfte gab sie schließlich auf. Müde drehte Faye ihm den Rücken zu, wandte sich zutiefst enttäuscht um und lief durch den sintflutartigen Regen. Sie musste ihren Körper hart gegen den Wind stemmen, um gegen den Sturm vorwärtszukommen.
 
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The Jade Circle – Melodie des Lebens (The Jade Circle Reihe Band 2)
 

 
 
 
 
 
 
 
 
Klappentext:
Eine magische Liebesgeschichte, die von allem etwas enthält – Romantik, Schmerz, Freundschaft und den Moment der ersten Liebe.
 
Faye muss erkennen, dass sie ihre magischen Kräfte nicht länger leugnen kann. Beide Seiten, sowohl die irdische Welt als auch die Anderswelt, erpressen sie, ein Geheimnis preiszugeben. Dabei schrecken besonders die Magier vor nichts zurück. Mit dem Versprechen, ihm sein Augenlicht zurückzugeben, wollen sie Luke in die Welt der Dämonen locken. Mutig beschließt Faye, ihren Bruder zurückzuholen. Dabei führt kein Weg an dem rätselhaften Jungen vorbei, der ihr so viel bedeutet. Quin ist jedoch seit der geheimnisumwitterten Nacht auf dem Rubens-Kliff ein wandelndes Pulverfass, denn in ihm schlummert ein Wesen, das er nur schwer bändigen kann. Je mehr er die Kontrolle über sein wahres Ich verliert, desto mehr bemüht er sich, Faye aus dem Weg zu gehen. Aber sie ist bereit, für ihre ungewöhnliche Liebe zu kämpfen.
Als Quin von der Erpressung erfährt, versucht er auf seine Weise, ihr die Entscheidung, wer für sie das Liebste auf der Welt ist, abzunehmen: Er ist plötzlich verschwunden …
 
 
Leseprobe:
Liam setzte sich ihr gegenüber in den wuchtigen Ledersessel und betrachtete sie freundlich. Zwischen ihnen zog ein aromatischer Früchteduft mit einer karamelligen Süße in die Luft und mischte sich mit ihrem Schweigen. Um seinem studierenden Blick auszuweichen, wandte Faye den Kopf zu der halbgeöffneten Terrassentür. In der sonnenbeschienenen Fensterscheibe gewahrte sie Quins Spiegelschatten von draußen, und ihr eigenes Gesicht – verletzt und gedemütigt. Ein trauriger Zug legte sich um ihren Mund. Sie erinnerte sich daran, wie sie anfangs geglaubt hatte, er sei gefühlskalt und bewahrte sein Herz in der Gefriertruhe auf.
Ganz offensichtlich war das nur in ihrer Nähe der Fall. Bei Nia hingegen schien seine Maskerade aufzutauen. Aber sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, zu sehen, wie unglücklich sie das machte. Auch sie konnte eine Maske aufsetzen. Als Quin mit finsterer Miene ins Wohnzimmer stampfte, lag ein unbeschwerter Ausdruck auf ihrem Gesicht. In weitem Abstand zu ihnen lehnte Quin sich gegen den Esstisch in der Mitte des Wohnzimmers und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
»Du bist ja immer noch da.« Seine Stimme triefte vor Sarkasmus und Ablehnung. Liam drehte seinen Kopf, sah die Wut in Quins Augen und nickte stirnrunzelnd. »Ja«, sagte er beunruhigend leise, »Faye ist noch hier. Weil ich es so möchte.«
»Prima. Wir klären es dann hinterher, seit wann ungebetene Besucher hier ungefragt Zugang haben.«
»Verdammter Scheißkerl, pass auf, was du sagt.« Mit einem Hechtsprung schoss Liam aus dem Sessel hoch und griff hart nach Quins Arm. Mit der unguten Vorahnung einer herannahenden Auseinandersetzung hob Faye den Kopf. Beide Brüder hatten sich verändert. Seit der Nacht auf dem Rubenscliff wirkte Quin noch kälter und weniger menschlich. Und Liam war längst nicht mehr so liebevoll zu seinem Bruder. Im Gegenteil.
Ihr hitziger Disput wurde immer lauter, und Liams Wortwahl immer aggressiver und beleidigender. Plötzlich wirkte er auf sie wesentlich unsympathischer als Quin, der gar nicht anders konnte, als gefühlskalt zu sein, und dem sie das auch immer wieder vergab – wenn sie eine Nacht darüber geschlafen und sich ausgeheult hatte. Doch für heute war ihr Maß an Dramen zur Genüge gedeckt. Sie konnte nicht mehr. Entnervt erhob sie sich und ging auf die Streithähne zu.
»Hört auf zu streiten«, bat sie leise. »Vergesst einfach, dass ich hier war.«
»Tja, vielleicht hast du recht«, sagte Liam mit einem missmutigen Seitenblick in Richtung seines Bruders. »Dann komme ich morgen, wenn du Schulschluss hast, bei dir zu Hause vorbei, da können wir beide in Ruhe miteinander reden.«
»Nein, das wird nicht gehen«, seufzte sie niedergeschlagen. »Morgen ist unser alljährliches Victoria-Fest, da findet kein Schulunterricht statt. Ich bin den ganzen Tag mit dem Aufbau des Getränkebuffets und dem Schmücken des Schulparks beschäftigt. Trotzdem danke, Liam. Ich werde jetzt gehen und dich später anrufen, okay?«
Sie wollte so schnell wie möglich aus dem Raum laufen, doch Quin sprang auf sie zu und seine Finger krallten sich schmerzhaft in ihren Oberarm. »Oh nein. Wir werden das sofort klären. Warum bist du hier?«
Gott, hatte sie eben tatsächlich an Vergebung gedacht? Das musste ein Anfall geistiger Umnachtung gewesen sein. Schnaubend schüttelte sie seine Hand ab und wirbelte herum. »Bestimmt nicht wegen dir, Sohn der Hölle«, rief sie erbost. »Mit dir rede ich nicht mehr.«
»Fantastisch! Das ist genau das, was ich immer wollte«, warf er ihr hinterher. »Und wenn wir schon dabei sind: Hör auch auf in meinem Leben und in meinem Kopf rumzuschleichen, Lunababe. Seitdem ich dein verfluchtes Blut in mir habe, blubbert es unangenehm durch meine Blutbahn; ich kann nicht mehr rational denken – und ich stinke nach Kirschen.«
»Ach ja«, blaffte Faye gekränkt zurück. »Wann hast du das gefühlt, war das vor oder nach der Zungenübung mit Nia?«
»Das geht dich nichts an«, wies er sie mit sarkastischer Miene zurecht. »Und wie ich schon erwähnte, mag ich keine ungebetenen Gäste. Weder im Haus, noch in meinem Körper. Mir genügt die dämonische Bestie in mir vollkommen. Außerdem bin ich morgen Abend auch auf der Schulparty. Ich habe gehört, dass es dort immer Mädchen gibt, die nur darauf warten, abgeschleppt zu werden. Aber mit dem verdammten Kirschgeruch wird es mir schwer fallen. Vielleicht sollte ich vorher ins Krankenhaus fahren und eine Bluttransfusion beantragen.«
Fayes Kopf schoss hoch. Leicht irritiert bemerkte Quin, dass ihre Wangen alle Farbe verloren. Jedem weniger mutigen Mann hätte ihr funkensprühender Blick wahrscheinlich gereicht, um die Flucht zu ergreifen. Schlichtend wollte Liam die beiden Streithähne wegziehen, doch Quin stieß ihn grob zur Seite und blieb unbewegt stehen. Mit einer blitzschnellen Bewegung griff Faye unter ihrer Bluse an ihren Gürtel und zog ein Messer aus dem verborgenen Schaft. Das Messer, welches Quin ihr bei ihren Ritualtanzübungen geschenkt hatte.
Seitdem trug sie es immer unsichtbar bei sich – zur Verteidigung. Sekunden später ließ sie Quin die kalte Klingenspitze spüren, die an sein Jeanshemd schabte. »Willst du damit andeuten, ich hätte dich mit meinem Blut an mich gebunden?« Faye ließ die Beherrschung fallen. Ihr Schutzwall brach. Und ihre machtvolle Kraft erwachte, als sie einen Arm hob. Vor der offenen Terrassentür verdunkelte sich die Luft und gurgelnde Windspiralen wirbelten hoch.
»Du willst also mein Blut nicht mehr fühlen?«, fragte sie trügerisch sanft, während die goldgrünen Sprenkel in ihren Augen wie glühende Smaragde aufblitzten. »Gut. Dafür musst du nicht ins Krankenhaus fahren, Quinton Noyee. Das kann ich auch erledigen – hier an Ort und Stelle und sofort.«
Die Hand mit der Klinge bohrte sich stärker in sein Hemd, während sie den anderen Arm ausgestreckt hielt und ihrer Wut freien Lauf ließ. Liams aufgebrachter Schrei, endlich aufzuhören, beachteten weder Quin, noch Faye. Beide waren in ihrer eigenen emotionsgetränkten Welt gefangen.
Doch Quins Erregung war nichts im Vergleich zu dem, was in Faye zu erwachen begann. Als er sie ironisch ansah und seinen geschmeidigen Körper, das Messer ignorierend, näher an ihren presste und sein heißer Atem ihre Lippen streifte, kam Faye in Fahrt. Ihre Wut verband sich mit ihrer magischen Kraft. Ihr ausgestreckter Arm bebte. Von draußen wirbelte eine gewaltige, gurgelnde Wasserspirale wie eine Taifunwelle auf Quin zu. Der machtvolle Sog katapultierte ihn nach hinten und er stürzte hart auf den Boden. Zur Hölle. Das hatte er ihr wohl nicht zugetraut. Aufstöhnend stieß er die Luft aus und strich sich das klatschnasse Haar aus der Stirn.
»Hör auf, Faye. Das bringt doch nichts.«
Liam stürzte auf sie und legte einen Arm um ihre Taille. Angesichts seines Wohnzimmers, das jetzt in einer auslaufenden Wasserlache schwamm, klang seine Stimme erstaunlich warm und beruhigend. Mit sanfter Gewalt führte er sie von seinem Bruder weg und nahm sie in seine Arme. Seine warmen Hände strichen beruhigend über ihren Rücken. Weit davon entfernt, besänftigt zu sein, sah Faye verstört über seine Schulter. Quins Worte hatte sie so sehr verletzt, dass sie ihn noch nicht einmal hassen konnte. Sie verachtete sich nur selbst, weil er sie dazu gebracht hatte, sich so zu erniedrigen.
Tröstend berührte Liam ihre Wange mit den Händen, in denen auch eine magische Macht schlummerte. Nur mit eiserner Gewalt hatte er den Wunsch unterdrückt, seine gefährlich grünen Mana-Feuerbälle zu schleudern. Aus Angst, seinen Bruder damit zu verletzten – und Faye dadurch ganz zu verlieren.
»Möchtest du mir jetzt erzählen, warum du mit mir reden wolltest«, fragte er leise an ihrem Ohr.
Es war seine sanfte tröstende Gabe, die ihre mühsam aufrecht erhaltene Fassade zum Einsturz brachte. Die Sorge um Luke, die sie bisher mit niemandem teilen konnte, brach über ihr zusammen und verdrängte alle anderen wirren Gefühle in ihr mit einem Schlag. Tonlos gestand sie: »Ich brauche Hilfe. Ich glaube, dass wieder ein Schwarzmagier hinter meinem Bruder her ist.«
Blinzelnd kämpfte Faye, bis sie wieder klar sehen konnte. Liam ließ ihr Zeit. Unterdessen stützte sich Quin mit einer Hand auf die Stuhllehne und zog sich ächzend auf die Füße. Er warf ihr einen scharfen Seitenblick zu und zog sich sein nasses Hemd über den Kopf aus. Er schien ihr nicht zuzuhören, im Gegensatz zu Liam, der sie mit einer Geste ermunterte fortzufahren.
»Manchmal sehe ich ihn tagelang nicht«, flüsterte sie erstickt an Liams Schulter. »Zuerst dachte ich, es sei nur der Schock, dass unser Onkel der Black Mager war, der ihn mit dem Todessiegel geprägt hatte. Aber jetzt glaube ich immer mehr, dass noch etwas anderes dahintersteckt. Luke hat sich verändert, er liebt mich nicht mehr und er redet kaum noch mit mir. Und vorgestern habe ich eine merkwürdige Metallkarte in seiner Geldbörse gefunden.«
Schlagartig verschwand der grimmige Ausdruck auf Quins Miene. Etwas schwang in ihrer Stimme mit, das ihn aufhorchen ließ. Faye versuchte ihre zitternden Lippen vor ihm zu verbergen. Das triefendnasse Hemd glitt aus seinen nassen Fingern und fiel achtlos auf den aufquellenden, schwimmenden Teppich unter ihm.
»Verdammt, Lunababe. Warum hast du mir das nicht vorher erzählt.« Er stockte und sein Atem ging schwer, als die Tränen über ihr blasses Gesicht rannen. Mit zwei Schritten rannte er auf sie zu und achtete nicht auf Liams Einwände, sich aus der Sache herauszuhalten…
 
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The Jade Circle – Gefühle des Lebens (The Jade Circle Reihe Band 3)
 

 
 
 
 
 
 
 
 
Klappentext:
Der dritte und letzte Band der „Jade Circle“-Trilogie!
 
♥ Eine magische Liebesgeschichte ♥
 
Sie kämpft um ihren Vater und ihren Bruder, und sie verschenkt ihr Herz an einen Halbdämon. Wer bedeutet ihr mehr?
 
Sechs Wochen voller Sehnsucht und Verzweiflung liegen hinter Faye, seit Quin sie in jener schicksalhaften Nacht verlassen hat, um sie vor seiner dunklen Seite zu beschützen. Faye kämpft mit ihrer in tausend Splitter zerbrochenen Seele, und zudem flammen jede Nacht grauenvolle Albträume auf, in denen ein fremdes Mädchen sie bedroht und sie auffordert, sich endlich ihrem Schicksal zu stellen.
Gleichzeitig versuchen sowohl ihr Vater als auch Liam mit allen Mitteln, Faye und Quin voneinander fernzuhalten. Doch als sie erfährt, dass Quin entführt wurde, lässt sie sich nicht länger davon abhalten, an die Seite des Jungen zu eilen, der ihr so viel bedeutet. Als sie in einem abgelegenen Distrikt auf blutige Kampfhandlungen stößt, muss sie feststellen, dass die schwarzen Mächte schneller gewesen sind. Ihr Verstand begreift, warum ein Mensch und ein Halbdämon keine Liebe füreinander empfinden sollten – aber ihr Herz weigert sich.
Und dann schlägt das Schicksal mit unerbittlicher Härte zu: Der Fluch aus einer zweihundertjährigen Vergangenheit erwacht und fordert ihren Tribut. Faye muss sich entscheiden – zwischen demjenigen, der für sie das Liebste auf der Welt ist, und demjenigen, den sie töten soll …
 
 
Leseprobe:
Das Geräusch der jäh aufgerissenen Gardinen surrte wie laut ratternde Diesellokräder auf einer alten Bahntrasse in seinen Ohren. Schlagartig war er wach und riss entsetzt die Augen auf. Das erwies sich allerdings als keine so gute Idee. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel und spiegelte sich erbarmungslos grell in seinen Augen. Aufstöhnend rieb er seinen dumpf dröhnenden Kopf und sah benommen zum Fenster.
Es dauerte einige Minuten, bis er Fayes Silhouette erkannte. Stöhnend ließ er seinen nackten Oberkörper zurück in die Kissen fallen und schloss die Augen. Im Unterbewusstsein hörte er, wie das Fenster geöffnet wurde, kurz danach spürte er einen kalten Durchzug und ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken. Das konnte entweder am novemberrauen Pazifikwind liegen oder aber an Fayes anklagendem Blick. Er vermutete zweiteres. Fluchend stöhnte er auf. Doch irgendwann wurde ihm klar, dass sie ihn nicht in Ruhe lassen würde.
Blinzelnd öffnete er die Augen und begegnete einem vorwurfsvollen Blick aus smaragdgrünen Augen. Sie stand jetzt direkt neben seinem Bett. Damit hatte Liam nicht gerechnet. Leicht benommen schob er sich in den Kissen hoch und zog automatisch die Bettdecke über seinen nackten Körper. »Hallo, Liam, du hast wohl heute Morgen den Wecker überhört.«
Ihr umwerfender Kirschduft, gepaart mit ihrem triefenden Sarkasmus, war zu viel nach der Nacht, die er hinter sich hatte. Er konnte sich nur noch vage an eine überaus charmante Braunhaarige erinnern, die ihn bereitwillig zu sich nach Hause eingeladen und nicht mit ihren Reizen im Bett gegeizt hatte. Und nach seinem dröhnenden Schädel zu urteilen, musste er wohl auch mehr als einen Jack Daniels zu viel getrunken haben.
»Fuck«, murmelte er, während er seine schmerzende Stirn massierte und sie mit einem zusammengekniffenen Auge musterte. Sie trug eine enge schwarze Jeans, die sich perfekt an ihre schlanken Beine schmiegte, und ein sonnengelbes Top, das nicht weniger eng ihre kleinen Brüste modellierte. Diese Kombination veranlasste ihn, die Bettdecke noch enger um sich zu ziehen. »Was willst du schon so früh am Morgen hier?«, fragte er barscher als beabsichtigt. »Und wie bist du überhaupt ins Haus gekommen?«
»Es ist zwei Uhr nachmittags«, erwiderte sie im vorwurfsvollen Ton, bevor sie lautstark mit einem Schlüsselbund neben seinem Ohr rumklimperte. »Die hab ich noch von meinem letzten Besuch.«
Stöhnend schob er ihren Arm runter. »Faye … Faye … bitte! Ich habe entsetzliche Kopfschmerzen, Kleines. Entweder drosselst du deine Lautstärke etwas oder du zauberst von irgendwo ein Aspirin herbei.«
Nach einem kurzen Schweigen zuckte sie mit der Schulter und begann in den Untiefen ihrer Umhängetasche zu kramen. Wortlos stolzierte sie ins angrenzende Bad und erschien zwei Minuten später mit einem Wasserglas, welches sie ihm zusammen mit der Kopfschmerztablette in die Hand drückte. Liam spülte beides in einem Abwasch runter. Als sie leise kicherte, warf er ihr einen argwöhnischen Blick zu. »Was?«
»Du solltest mit deinen Frauenbekanntschaften wählerischer sein, sie hinterlassen außer Kopfschmerzen auch noch andere Spuren«, zwitscherte Faye fröhlich. »W-wie bitte?« Entgeistert hob er den Kopf. Wortlos beugte sich Faye über ihn und zog mit spitzen Fingern einen roten BH hervor, der unter seiner zerwühlten Bettdecke hervorlugte. Dabei fiel Liam eine ihrer langen Haarlocken ins Gesicht, und er verschüttete vor Schreck das restliche Wasser.
»Warum wechselst du die Mädels so oft, willst du deinem Bruder Konkurrenz machen?«, fragte sie. Als er nicht antwortete, nahm sie ihm seufzend das Glas ab und stellte es auf den Nachtschrank. Danach griff sie in die danebenstehende Kleenex-Box und beugte sich erneut über ihn, um das Wasser von seiner nackten Brust zu wischen.
Das war zu viel für ihn. Blitzschnell fasste Liam nach ihrem Arm, zog sie aufs Bett hinunter und drehte sie so, dass sie unter ihm lag. »Da du meine Gefühle nicht erwiderst, Kleines, muss ich mich eben anderswo abreagieren. Es sei denn, du hast deine Meinung geändert, dann werde ich ab jetzt nur noch deine Dessous sammeln.« Faye presste die Lippen zusammen und starrte ihn an. Er fragte sich, warum ihn die Abweisung in ihren Augen so mitnahm.
Als er beinahe grob ihre Arme über ihrem Kopf festhielt, wusste er nicht, ob es aus Trotz geschah oder weil ihn die Gefühle übermannten, er wusste nur, dass er sie küssen musste. Sofort. Leider schien Faye diese Ansicht nicht zu teilen. Geschickt wich sie seinem Mund aus, dann hob sie ihr linkes Bein an und rammte ihren Stilettoabsatz mittig in seine Wade. Liam schrie auf und ließ sie los. Stöhnend rollte er von ihr runter und blieb ausgestreckt auf dem Rücken liegen.
»Du solltest aufhören, mich zu reizen, Liam, sonst setz ich dein Schlafzimmer unter Wasser, so wie ich es schon einmal mit deinem Wohnzimmer getan habe.« Ja, das hatte er noch gut in Erinnerung, allerdings war sein Bruder damals der Grund ihres Wutausbruchs gewesen. Doch noch bevor er dazu kam, ihr das unter die Nase zu reiben, fuhr Faye fort: »Und was deine Frage betrifft: Nein, ich habe meine Meinung zu dir nicht geändert und werde es auch niemals tun. Ich liebe Quin, und wenn du unsere Freundschaft nicht riskieren willst, dann solltest du aufhören, mit mir zu flirten.«
»Na, dann eben nicht«, murmelte er verdrossen und rieb sich den schmerzenden Kopf. »Was verschafft mir dann das Vergnügen, dich in meinem Schlafzimmer vorzufinden?« Sie lächelte mitleidig. »Wir müssen etwas besprechen. Also schwing deinen Hintern aus dem Bett und geh duschen, ich warte so lange unten.« Als er mit den Augen rollte, drehte sie sich um, stolzierte aus dem Zimmer und zog die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu. In der Küche ging Faye zur Kaffeemaschine und löffelte eine großzügige Menge Espressopulver in den Filter.
 

****

Als Liam zehn Minuten später frisch geduscht, in Jeans, blauem Polo und Turnschuhen in den Raum schlurfte, goss Faye einen Becher voll und gab drei Löffel Zucker dazu. Liam lehnte sich auf den Stuhl zurück, als sie die Tasse vor ihm abstellte. Der stechend scharfe Geruch gerösteter Bohnen stieß in seine Nase. Die dunkle Brühe war so stark, dass der Löffel fast von alleine darin stehen blieb. Zudem sah die Mischung so aus, als könne sie einen betäubten Elefanten binnen Sekunden aus dem Koma katapultieren.
Argwöhnisch griff Liam nach der Tasse und schnupperte daran. Beim ersten Schluck, den er nahm, zogen sich seine Eingeweide zusammen. Durch seine Adern hämmerte ein Koffeinschub, der einer kilometerweiten Kaffeeplantage entsprungen sein musste; er verschluckte sich und hatte das Gefühl, seine Fußnägel rollten sich auf. Fayes mitleidsloser Blick streifte ihn, und mit einem Fingerzeig bedeutete sie ihm, alles auszutrinken. So lange wartete sie, während sie sich auf den Stuhl ihm gegenüber setzte.
Zwischen dem Ticken der Uhr an der Wand schlürfte er die bittere Brühe bis zum Ende aus. Faye wartete noch einen Augenblick, als wolle sie sich vergewissern, dass der Restalkohol sein benebeltes Gehirn verlassen hatte und er jetzt ansprechbar war. Danach berichtete sie ihm in kurzen Zügen, dass Zoe ihre Vision entschlüsselt hatte und sie jetzt wussten, wo sich Quins wahrscheinlicher Aufenthaltsort befand. »Du musst uns helfen«, beendete sie ihren Dialog.
»So, muss ich das?«, gab er gereizt zurück. Ärgerlich stand er auf und begab sich zum Fenster. Lange starrte er hinaus in den Garten und dachte nach. Früher oder später hatte er schon damit gerechnet, dass die kleine Hexe den wahren Sinn ihrer Visionen herausfinden würde. Sie war schnell, das musste man ihr lassen; für seinen Geschmack zu schnell, doch das ließ sich nun nicht mehr ändern. Ebenso wenig die Tatsache, dass Quin das Buch so rasch gefunden hatte.
Und das bedeutete, dass alles, was in Kürze geschehen würde, nun nicht mehr in seiner Hand lag. Als er den Kopf drehte, bemerkte er, dass Faye noch immer in unveränderter Haltung am Tisch saß und darauf wartete, dass er ihrer Bitte nachkam. Mit einem tiefen Atemzug drehte er sich um und betrachtete sie lange schweigend. Er wollte ihr so vieles erklären, durfte es aber nicht. Nicht wenn er verhindern wollte, dass die Prophezeiung sich erfüllte.
 
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TRUST ME ~ Verloren in dir
 

 
Klappentext:
Beruflich läuft alles perfekt: Die 26-jährige Eve Dumont hat sich mit ihrem eigenen Spa- & Wellnesshotel am tropischen Strand von Mahé Island einen Traum erfüllt. Aber ihr Privatleben liegt nach einem schweren Schicksalsschlag in tausend Scherben. Seitdem hält sie ihr Herz und ihre Sehnsüchte unter Verschluss. Bis zu dem Tag, an dem der charismatische Pilot Nicolas Leblanc in ihr Leben stürmt – und ihren mühsam errichteten Schutzwall zum Einstürzen bringt. Doch gerade als Eve ihre aufkeimende Liebe zulassen will, reißt Nicolas’ Geständnis die alten Wunden ihrer Vergangenheit wieder auf.
 
 
Leseprobe:
 

 
 
 
 
 
 
 
Zum dreimillionsten Mal wanderten ihre Augen zum Eingang der offenen Lobby, doch von Nicolas war weit und breit nichts zu sehen. Eve stand hinter der Rezeption und sah immer wieder verstohlen auf die Uhr. Seine Maschine musste Verspätung haben. Obwohl es mittlerweile das fünfte Wochenende war, das Nicolas auf Mahé Island verbrachte, freute sie sich unbändig, ihn wiederzusehen. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass die Schmetterlinge in ihrem Bauch sogar noch zugenommen hatten.
Ihre Gedanken wurden von einem fröhlich hupenden Reisebus unterbrochen, und kurz darauf hatte sie alle Hände voll zu tun, um die neu angekommenen Gäste einzuchecken. Zwanzig Minuten später überreichte sie den letzten Zimmerschlüssel, atmete erleichtert auf und setzte sich an den Schreibtisch. Währenddessen plapperte Chloé unverdrossen auf sie ein, doch sie hörte ihr nur mit halbem Ohr zu, weil sie immer wieder auf ihre Armbanduhr sah.
»Hallo, Erde an Mars … Hörst du mir überhaupt zu?«
»Ähm, natürlich«, stotterte Eve und sah verlegen von den Buchungsanfragen hoch, mit denen sie gerade beschäftigt war.
»Bist du dir da sicher?«, fragte Chloé mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Ja doch.«
»Na dann – schreib den Scheck aus.«
»Äh … wie bitte?«
Mit einem spitzbübischen Grinsen schlenderte Chloé auf sie zu und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Schreibtischkante. »Süße, ich habe dich grad eben um ein Darlehen von satten achtzigtausend Rupien gebeten, und du hast, ohne mit der Wimper zu zucken, Ja gesagt. Darum kann ich mir schon denken, was oder vielmehr wer dich so ablenkt.«
»Mich lenkt niemand ab.«
»Ach was?«, konterte Chloé. »Na gut, dann interessiert dich sicher auch nicht, wer an diesem wunderschönen Freitagabend gerade durch das Eingangsportal spaziert kommt, nicht wahr?«
Verwundert sah Eve hoch und bemerkte, dass sämtliche weiblichen Gäste zum Eingang sahen. Neugierig linste sie über die Schulter ihrer Freundin, dann zog auch sie scharf die Luft ein, als sie Nicolas erkannte, was ihr ein erfreutes Strahlen ins Gesicht zauberte.
»Wusst ich’s doch!«, triumphierte Chloé.
Ertappt schlug sie die Augen nieder und sah auf ihre Schuhspitzen. Unterdessen lehnte sich Nicolas an den Tresen, begrüßte zuerst Chloé und schenkte danach Eve ein warmes Lächeln. Als Chloé sich einem anderen ankommenden Gast zuwandte, verabredeten sie sich leise für den Abend zum Joggen.
 

****

 

Im lauen Abendwind des ausklingenden Tages saßen sie nach dem Laufen und Schwimmen auf der Veranda von Eves Strandhaus. Sie gewöhnte sich immer mehr an die gemütlichen Abendstunden, an denen sie über den Tag redeten oder an denen sie einträchtig schwiegen. Sie spürten beide, dass sie weit mehr als nur die Liebe zum Sport teilten. Wie in einer stillen Übereinkunft sprachen jedoch weder sie noch Nicolas über ihr privates Leben jenseits der kurzen Wochenenden, die er auf der Insel verbrachte.
Bis jetzt wusste sie nur, dass er in einem kleinen Loft in Paris wohnte, während der Woche Kurzstrecken flog und in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne Motorrad fuhr. Mehr wagte sie nicht zu fragen, denn das würde bedeuten, ihm auch ihre Vergangenheit erzählen zu müssen, von der nur wenige Menschen wussten. Genau genommen nur Chloé und Tiffany. Grandmère hatte die schicksalhafte Tragödie ihrer Enkelin mit ins Grab genommen.
Die übrigen Inselbewohner glaubten, dass sie damals wegen ihres Studiums die Insel verlassen und nach Paris gegangen war. Doch die Wahrheit war eine andere. Vor zwei Wochen hatte Nicolas einen Vorstoß gewagt und sie gefragt, wie ihre Lebensplanung aussehe und ob sie sich einmal Kinder wünsche. Als er allerdings sah, wie aus ihrem Gesicht alle Farbe verschwand, zeigte er genug Feingefühl und wechselte hastig das Thema.
Seit diesem Abend redeten sie nicht mehr über die Zukunft. Dafür lachten sie viel, tauschten Kindheitserinnerungen aus und erzählten sich gegenseitig ihre beruflichen Erlebnisse. Im Moment genossen sie schweigend den Blick in den sternenklaren Nachthimmel. Filou lag ausgestreckt unter dem Tisch und schnarchte. Nicolas saß im schwachen Licht der Kerze im Korbsessel, die nackten Füße lässig auf dem Geländer ausgestreckt.
Vorhin, beim gemeinsamen Kochen in der Küche, hatten sie sich auf harmonische Weise ergänzt. Ganz selbstverständlich war Nicolas ihr zur Hand gegangen, indem er Filous Wasserschüssel auffüllte, den Fisch gekonnt ausnahm, Gemüse schnippelte und den Tisch auf der Veranda deckte. Entspannt nippte Eve an ihrem Wein und musterte Nicolas dabei verstohlen. Dank Filous übermütiger Spritzattacke vorhin am Strand hing sein nasses T-Shirt auf der Leine, sodass er nur ausgefranste Jeansshorts trug.
Die laue Meeresbrise spielte mit den dunklen Haarlöckchen auf seiner nackten Brust, die sich nach unten hin verjüngten, und sie konnte die Konturen seiner gut definierten Bauchmuskeln darunter erkennen. Dieser Mann brachte sie unzweifelhaft mehr aus der Fassung, als ihr guttat – egal, ob in gestärkter Uniform oder, so wie jetzt, halb nackt. Sie schluckte nervös. In diesem Moment schaute Nicolas hoch und sah ihr direkt in die Augen.
»Wenn du mich weiterhin so intensiv betrachtest, ma cœur, werde ich nicht mehr lange imstande sein, meine Hände bei mir zu behalten.«
Seine Stimme klang eine Spur heiserer als sonst, während sein Blick über die sanften Rundungen glitt, die sich unter ihrem ausgeblichenen Baumwollhemd abzeichneten. Es überlief sie heiß. Nicolas’ Tonfall und seine Blicke sagten ihr, dass er wusste, was wahre Leidenschaft bedeutete, und dass er sie wollte. Aber war sie schon bereit für diesen Schritt? Bereit, aus dem dunklen Schatten ihrer Vergangenheit zu treten und einen Neuanfang zu wagen?
Als sie ein sehnsuchtsvolles Ziehen in ihrem Inneren spürte, wandte sie sich verunsichert ab, aber Nicolas ließ das nicht zu. Vorsichtig legte er eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.
»Eve, ich weiß nicht, wer oder was dich in der Vergangenheit so verletzt hat. Du musst darüber auch nicht reden, wenn du nicht willst. Aber ich weiß, dass das hier zwischen uns etwas Besonderes ist. Und wenn du mich lässt, möchte ich gerne an deinem Leben teilhaben.«
»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, Nicolas. Ich bin auch gerne in deiner Nähe … aber deine Zeit auf der Insel ist nur begrenzt, und für eine kurze Sommeraffäre bin ich nicht geeignet.«
»Ich suche keine Affäre, für solche Oberflächlichkeiten bin ich zu alt«, beschied er ihr ruhig. Sein ernstes Gesicht war nur noch Zentimeter von ihrem entfernt und sein warmer Atem streifte ihren Mund. Zitternd hielt sie die Luft an und starrte ihn mit großen Augen an. »Lass es uns ausprobieren, ma cœur. Wenn mich Air Parisienne nach einem Jahr von hier abzieht, werden wir weitersehen. Es gibt für alles eine Lösung.«
Zweifelnd sah sie ihn an. Gleichzeitig spürte sie das mittlerweile vertraute Kribbeln auf ihrer gesamten Haut, wie immer, wenn er in ihrer Nähe war – und jetzt war er mehr als nah. »Warum sagst du ma cœur zu mir?«, fragte sie leise, um das Thema auf unverfängliches Terrain zu lenken.
»Weil du das für mich bist, oder magst du es nicht, wenn ich dich mein Herz nenne?«
»Doch … doch, es gefällt mir«, stimmte sie mit einem scheuen Lächeln zu. »Es weckt Erinnerungen, Grandmère hat mich auch immer so genannt.«
Nicolas streckte seinen Arm aus und berührte mit den Fingerspitzen ihre Wange. »Das freut mich, ich glaube, ich hätte deine Großmutter gemocht. Sie muss eine kluge Frau gewesen sein.«
»Du hättest sie mit deinem Charme mit Sicherheit um den kleinen Finger gewickelt.«
»Interessant zu hören, dass du mich für charmant hältst.«
»Bilde dir nur nichts darauf ein, das war nur so eine dahingesagte Metapher. Ich bin immun gegen deinen Charme.«
Amüsiert zog er eine Augenbraue in die Höhe. »Ich frage mich, wen du davon überzeugen willst, ma cœur – dich oder mich?«
Bevor Eve antworten konnte, hauchte er ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Als sie hörbar die Luft einsog, lehnte er sich lächelnd zurück und schenkte ihnen Wein nach, während sie betroffen aufs nächtliche Meer hinausstarrte. Es war, als ob er ihre geheimsten Gedanken kennen würde. Sie konnte nicht leugnen, dass sie Nicolas mehr mochte, als ihr lieb war. Dennoch hatte sie entsetzliche Angst, sich an ihn zu verlieren.
Wenn das Jahr seiner Seychellen-Langstrecke zu Ende ging, würde er wieder zurück nach Paris fliegen und sie mit einem gebrochenen Herzen hier zurücklassen. Es war nicht so, dass sie noch Jungfrau wäre. Grandmère hatte sie glücklicherweise tolerant erzogen. Allerdings hatte ihr erster und bisher einziger Freund ihr vor drei Jahren das Schlimmste angetan, was man einer Frau antun konnte. Seitdem vertraute sie keinem Mann mehr.
Noch einmal würde sie so eine Tragödie nicht überstehen, das wusste sie mit unumstößlicher Gewissheit. Für sie war Liebe nicht teilbar. Liebe war magisch und bedingungslos. Ein Gefühl, das es nur zwischen einer einzigen Frau und einem einzigen Mann geben konnte, daran glaubte sie, trotz ihres Traumas, noch immer ganz fest. Gleichzeitig schwante ihr dumpf, dass ihr törichtes Herz nicht auf ihren Verstand hören wollte und sie Nicolas nicht aus ihren Gedanken und Träumen verbannen konnte.
»Übrigens habe ich vor, morgen zur Anse-Soleil-Bucht rauszufahren, um ein bisschen zu schnorcheln«, unterbrach Nicolas ihre grüblerischen Gedanken. »Hast du Lust, mitzukommen?«
Ihr Herz reagierte schneller als ihr Verstand, wie sie zu ihrem Entsetzen feststellen musste, als die Antwort freudig aus ihrem Mund heraussprudelte: »Gerne, aber ich kann erst ab zwei, vormittags muss ich zum Einkaufen auf den Wochenmarkt.«
»Prima, dann treffen wir uns um zwei auf dem Parkplatz.«
Er nickte ihr mit einem Augenzwinkern zu, und Eve griff nach ihrem Weinglas und trank einen Schluck, während sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und die Beine ausstreckte. Das erotische Knistern zwischen ihnen war dank Nicolas’ lockerer Art einer entspannten Leichtigkeit gewichen. Er verstand es geschickt, ihre nicht mehr zu leugnende Leidenschaft füreinander einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Es schien ihr, als wollte er ihr bewusst die Zeit geben, die sie brauchte, um wieder Vertrauen zu fassen.
Obwohl sie ihm bis jetzt noch nichts von den schrecklichen Vorkommnissen ihrer Vergangenheit erzählt hatte, schien er zu ahnen, dass sie noch nicht bereit war, zu ihren Gefühlen für ihn zu stehen, die sich immer heftiger in ihr zu regen begannen. Für die Einfühlsamkeit war sie ihm dankbar. Sie brauchte dieses vorsichtige Annähern, aus dem langsam Vertrauen wuchs, bis sie der werbenden Glut seiner Leidenschaft nachgeben konnte.
Eine warme Brise fuhr durch ihr offenes Haar. Nicolas hob eine Hand und schlang sich sanft eine wehende Locke um seine Finger. Hinter ihnen sangen die Wildvögel ihr Nachtkonzert in den Bäumen des Regenwaldes, und am Strand rollten die Wellen in einem wiegenden Rhythmus ans Ufer. Einträchtig schwiegen sie und lauschten den Geräuschen der Nacht.
 
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Chamsa – 5 Tage bis zur Ewigkeit
 

 
Klappentext:
Wenn das Schicksal dich auserwählt hat und du dem Spiegel deiner Seele begegnest, musst du dich entscheiden: Bist du bereit, alles aufzugeben, um denjenigen zu retten, den du bedingungslos liebst? Das Leben des anderen über das deine zu stellen, um der einen, einzigen und wahren Liebe einen Raum für die Ewigkeit zu geben?
 
Am Rande eines Basketballspiels ihrer Clique auf dem Campus der Highschool sieht die 17-jährige Hannah ihn zum ersten Mal. Hakim, den Jungen mit den blauschwarzen Haaren und geheimnisvollen dunklen Augen, der eine ungebändigte, warme und so wilde Schönheit ausstrahlt, die unmöglich von dieser Welt stammen kann. Hakim, der jenseits des Niemandslands auf der verbotenen Seite lebt. Hinter dem unüberwindbaren Sicherheitszaun, von dem sich alle fernhalten – alle außer Hannah. Hin- und hergerissen von dem Verlangen, Hakim und seine Welt kennenzulernen, und den Vorurteilen ihrer Schulkameraden übertritt sie die Tabu-Grenze. Inmitten der paradiesisch anmutenden Plantagen des verbotenen Niemandslandes erleben Hannah und Hakim für einen kurzen Moment das, wonach sich jeder von ihnen sehnt: unbändige Lebensfreude, Freiheit und das Gefühl einer grenzenlosen, einzigartigen Liebe. Doch damit setzen sie eine Kette von Ereignissen in Kraft, deren Ausgang niemand erahnen kann …
 
 
Leseprobe:
Schwungvoll ergriff Hakim ihre Hand und half ihr unter den Zaun durch. Ihr Herz klopfte heftig als er sie kurz an sich zog. Wie immer in seiner Nähe erfassten sie seltsame Gefühle. Verschmitzt lächelnd strich er mit einem Finger über ihre Wange und Hannah erzitterte bei dieser zarten Geste. »Komm mit«, rief er übermütig. Hannah kramte in ihrem Rucksack nach dem Hidschab. Noch bevor sie das Kopftuch umbinden konnte, war Hakim an ihrer Seite und senkte ihren Arm.
»An dem Ort, wo wir hingehen, brauchst du ihn nicht. Wir werden dort ganz alleine sein.«
Alleine mit Hakim … Die Bedeutung seiner Worte hallte in ihren Ohren, brachte ihr Herz jetzt vollkommen aus dem Takt und ihren Blutdruck in schwindelerregende Höhen. Fragend sah sie ihn an. »Wohin gehen wir?« »Du bist neugierig«, beschied er ihr mit einem Augenzwinkern.
»Ich weiß. Ein schreckliches Laster; verrätst du es mir trotzdem?«
»Lass mich kurz überlegen«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Mit der einen Hand hielt er sie fest umarmt, so als habe er Angst, dass sie weglaufen könnte. »Nein, ich werde es dir nicht verraten. Ich möchte, dass es eine Überraschung für dich wird.«
Neugierig sah sie ihn an, aber Hakim lachte nur schelmisch und zog sie mit sich auf einen kleinen versteckten Weg, der sich durch das Dünengras des Niemandslandes schlängelte. Wortlos wanderten sie durch die auslaufenden Sanddünen. Beschützend hielt er ihre Taille umschlungen, bis sie vor einem meterhohen zerklüfteten Wüstenfelsen standen. Hakim nahm sie an die Hand, half ihr über das lose Geröll und zog sie mit einem geheimnisvollen Gesichtsausdruck den Berg hoch. Dann ließ er sie los und betrachtete befriedigt ihr staunendes Gesicht.
»Mein Gott … das ist überwältigend«, stieß Hannah hervor. Inmitten der trockenen, staubigen Wüste erstreckte sich unterhalb des Berges eine üppige Vegetation, in der die roten Granatäpfel wie eine Perlenschnur in der Sonne glänzten. Die farbenprächtigen Bäume wuchsen bis an das Ufer der halbrunden, von Dattelpalmen umgebenen Wasserquelle. Dazwischen schmiegten sich Feigen- und Aprikosenbäume dicht aneinander und breiteten ihre sattgrünen Kronen schattenspendend über das darunter wachsende Gras. Noch nie im Leben hatte Hannah so etwas Schönes und Friedvolles gesehen. Es kam ihr wie eine Märchenkulisse aus Tausendundeiner Nacht vor.
Sprachlos trat sie näher und Hakim lachte ausgelassen. Er freute sich, dass es ihm gelungen war, sie zu überraschen. »Das ist eine durch eine unterirdische Wasserader gespeiste Oase«, erzählte Hakim, während er weiterging. Im Schatten der Aprikosenbäume setzte er sich und zog Hannah neben sich ins sonnenwarme Gras.
»Gefällt es dir? Das ist mein Lieblingsplatz. Ich komme oft hierher, um über die Zukunft nachzudenken.«
Verzückt sah Hannah sich um. »Es ist traumhaft hier.«
Hakim lehnte sich gegen den Baumstamm, umarmte sie und zog ihren Körper sacht an sich. »Erzähl mir etwas von dir. Was sind deine Pläne für die Zukunft?«, fragte er sie unvermittelt und betrachtete sie dabei aufmerksam.
Verlegen lachte Hannah auf. »Also. Ich möchte auf Lehramt studieren und anschließend mit Kindern arbeiten.«
»Das ist eine wunderschöne Arbeit.«
Täuschte sie sich oder hatte sie tatsächlich ein interessiertes Aufflackern in seinen Augen gesehen? Hannah war sich nicht sicher.
»Und du?« Verlegen versuchte sie die Aufmerksamkeit von sich wegzulenken. »Was möchtest du machen, wenn du mit dem College fertig bist«, fragte sie und versuchte dabei seine überwältigende Nähe zu ignorieren.
»Ich werde Medizin studieren. Danach möchte ich als Arzt im Neve Shalom – Wahat al Salam arbeiten.«
»Wo?«, fragte sie erstaunt.
Hakim lehnte sich entspannt zurück und sein blauschwarzes Haar wurde von den Strahlen der Sonne reflektiert. Andächtig betrachtete Hannah seine edlen Gesichtszüge, bis sich ein verschmitztes Grinsen um seine Mundwinkel zeigte. Errötend senkte sie den Blick, wobei sie spürte, dass er sie noch ein wenig näher an sich zog.
»Neve Shalom – Wahat al Salam heißt übersetzt “Oase des Friedens“ und ist ein arabisch-jüdisches Friedensdorf. 1970 wurde dieses Dorf von dem jüdischstämmigen Mönch Bruno Hussar gegründet. Er wollte damit seine Idee von einem gerechten und friedlichen Miteinander verwirklichen, an die er uneingeschränkt glaubt. In dem Friedensdorf leben israelisch-palästinensische und jüdische Familien in einer friedvollen Dorfgemeinschaft zusammen – Muslime, Juden und Christen in gegenseitigem Respekt. In der Dorfschule lernen die Kinder beide Sprachen: Arabisch und Hebräisch. In der “Friedensschule“ werden auch Seminare für außerhalb lebende palästinensische und jüdische Studenten, Lehrer und Sozialarbeiter angeboten. In den Kursen lernen sie die unterschiedlichen Kulturen und Bräuche der anderen kennen und lernen dadurch den fairen Umgang miteinander. Dort möchte ich irgendwann als Arzt arbeiten.«
Verlegen lachte er auf. Sanft löste er seine verflochten Finger aus ihrer Hand und strich zärtlich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Hannah hatte ihm andächtig zugehört, von dem Friedensdorf hatte sie vorher noch nie etwas gehört.
»Es muss eine wundervolle Aufgabe sein, dort zu arbeiten und mitzuhelfen, dass unsere beiden Welten zusammenwachsen«, ergänzte sie ergriffen. Ein feines Lächeln umspielte seinen Mund. »Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.« Bei seinen Worten beugte er sich vor, wagte es und strich hauchzart über ihr Gesicht, berührte die Sommersprossen auf ihrer Nase und fuhr mit dem Daumen sanft die Konturen ihrer Lippen nach. Durch Hannahs Adern schossen brennende Flammen; sie hatte die unbestimmte Ahnung, dass sie gleich ihr Notfallspray brauchen würde, so hart wie ihr Herz gegen ihren Brustkorb schlug.
Und genau in diesem Augenblick, unter der glühendheißen Wüstensonne, inmitten der grünen Orangenbäume des Niemandslandes, spürte Hannah mit einer unumstößlichen Gewissheit, dass sie sich in ihn verliebte.
»Ich mag es, wenn du errötest«, neckte er sie liebevoll.
»Schukran«, erwiderte sie schüchtern, wobei sie seinen überraschten Gesichtsausdruck bemerkte und sich diebisch darüber freute.
»Seit wann sprichst du arabisch«, fragte er verdattert. Kichernd kramte sie in ihrer Tasche und förderte das blaue Wörterbuch zutage. »Außer den Höflichkeitsfloskeln wie Bitte und Danke, kann ich noch nicht sehr viel. Aber wenn ich mit dem 200-Seiten-Buch fertig bin, spreche ich die ersten tausend Wörter.«
»Interessant«, erwiderte er grinsend. »Auf welcher Seite bist du?«
»Auf der elften.« Er beugte sich blitzschnell vor; Hannah war sich hinterher nicht sicher ob es überhaupt ein Kuss war, so sanft wie seine Lippen ihren Mund berührt hatten. »Dann viel Spaß beim Lesen. Wenn du möchtest, werde ich dir dabei helfen, Habibti.«
Jetzt war es an ihr verdutzt zu gucken. »Was bedeutet Habibti?«
»Schlag es in deinem schlauen Buch nach«, erwiderte er augenzwinkernd und zog sie auf die Beine. »Aber nicht jetzt. Heute werde ich dafür sorgen, dass du pünktlich nach Haus kommst, darum müssen wir jetzt los. Wir müssen noch einen Besuch machen.«
 

****

Die betörenden Duftwolken aus Jasmin und Gewürzen empfingen beide, als sie erneut durch den Souk spazierten. Ihr Blick glitt durch die schmalen, verschlungenen Gassen und das Flair der unzähligen kleinen Läden und Werkstätten fesselte ihre Aufmerksamkeit. Neben den Theken mit dem zum Verkauf angebotenem Fisch und Fleisch reihten sich kleine Stände mit glitzernden Lampen, weich gewebten Schals und Gewändern, kunstvoll geknüpften oder gewebten Teppichen, Keramik in traditionellen Formen und buntgefärbten Wollsträngen.
Über allem lag der Geruch nach frisch gegerbtem Leder, orientalischen Gewürzen und frischen Kräutern. Der warme Wüstenwind folgte ihnen durch die schmalen Gassen, bis Hakim nach einer Weile vor einem kleinen, aus sandfarbenen Lehmziegeln errichteten Haus stehenblieb. Nach seinem Klopfen öffnete sich die schmale Eingangspforte und eine weißhaarige Frau öffnete die Tür. Obwohl sicher schon weit über achtzig strahlte ihr Gesicht eine zeitlose Schönheit und Güte aus. Nur ihre Augen waren seltsam trübe, fast glasig.
»Bist du es, Hakim?«
»Ja, Umma«, antwortete er. »Und ich habe einen Gast mitgebracht. Hannah, das ist Azal, meine Großmutter.«
»Salam Sajjida«, flüsterte Hannah schüchtern. Höflich streckte sie ihre Hand aus, die Azal sofort ohne Berührungsängste ergriff. Die Haut fühlte sich rau und faltig an und doch ging von diesen Händen eine vertrauenserweckende Wärme aus, die Hannah die Nervosität nahm. »Willkommen, meine Tochter, tritt ein, mein Haus ist auch dein Haus.« Es herrschte ein kühles Halbdunkel in dem kleinen Salon und Hannah sah sich ehrfürchtig um. Der kleine Raum war sparsam, aber gemütlich eingerichtet.
»Wie geht es der schönsten Großmutter unter dem Sternenzelt?« fragte Hakim galant.
»Mein Enkelsohn, hör mit den Höflichkeitsfloskeln auf, erwiderte Azal resolut und doch strahlten ihre Augen über das Kompliment.
»Sag mir lieber, was mir die Ehre verschafft, dass du Besuch in mein Haus bringst, ohne es vorher anzukündigen.«
Hakim tätschelte liebevoll ihren Arm und umspielte damit den kleinen Rüffel seiner Großmutter.
»Es tut mir leid, dass ich die Tradition nicht eingehalten habe, Umma. Aber es ist wichtig. Ich habe Hannah gestern unser Dorf gezeigt, damit sie unsere Welt kennenlernt.« Er stockte kurz, bevor er mit ernster Stimme weitersprach. »Es war ein schöner Nachmittag – bis wir Ilyas auf dem Marktplatz begegnet sind.«
Azals eben noch so gütiges Gesicht nahm einen erschrockenen Ausdruck an, den Hannah auch schon bei Hakim auf dem Marktplatz bemerkt hatte.
Jetzt schien auch die alte Dame jegliche Höflichkeitsrituale außer Acht zu lassen. »Hat er den Zeitpunkt genannt?«, fragte sie unumwunden. Nervös trat Hannah von einem Fuß auf den anderen. Jeder sprach anscheinend in Rätseln, die sie zu deuten wussten, nur sie bekam allmählich das Gefühl, den Verstand zu verlieren.
»Ja, aber Umma, mit allem Respekt, bevor wir darüber reden, möchte ich erst deine Vorhersehung hören.«
»Hast du Hannah darum hergebracht?«
Mit einer nervösen Geste strich er sich über die Haare. Jetzt hatte er wieder sein unbewegtes Gesicht aufgesetzt, das Hannah nicht deuten konnte.
»Ja, aus genau diesem Grund«, sprach er mit leiser Stimme.
»Gut, dann soll es so sein.«
Azal hielt sich an der Kommode fest und ging dann mit eleganten Schritten zum Esstisch. Im selben Moment klapperte ein Schlüssel im Schloss, dann wurde die Tür aufgerissen und ein junges Mädchen stürmte wie ein Wirbelwind in den Salon.
»Massa´al-Kheir, guten Abend, Umma, entschuldige, ich bin zu spät, aber Riahs Hochzeitsvorbereitungen nehmen einfach kein Ende.« Lachend beugte sie sich hinunter und küsste die alte Dame auf die Wange. Danach verneigte sie sich spielerisch vor Hakim, schnappte sich einen freien Stuhl und starrte danach unverhohlen neugierig Hannah an.
»Mein Bruder, möchtest du mir nicht deinen Besuch vorstellen?«
Hakim stieß einen frustrierten Seufzer aus und wedelte mit der Hand zwischen ihnen hin und her. »Also schön. Hannah, das hier ist meine verrückte, aber liebenswerte Schwester Mouna. Und das ist Hannah, eine Freundin.«
»Soso, eine Freundin«, widerholte Mouna sinnend und Hannah spürte den eindringlichen Blick dunkler Augen auf sich gerichtet. Unruhig rutschte sie auf dem Stuhl zurück.
»Verrate mir, wie du es angestellt hast, Hakim aus der Reserve zu locken. Außer meiner Mutter und Umma lässt mein eigenbrötlerischer Bruder normalerweise kein einziges weibliches Wesen auch nur in den Dunstkreis seines Lebens treten. Wie hast du das geschafft?«, fragte sie unverblümt.
»Das reicht, Mouna, verzieh dich. Bist du nicht gekommen, um das Abendessen für Umma vorzubereiten?«
»Das mache ich gleich«, erwiderte sie kurzangebunden und streckte Hakim frech die Zunge raus. »Es ist unhöflich, sich nicht um seinen Besuch zu kümmern.«
Hakim warf ihr einen wütenden Blick zu. Die alte Dame versuchte die Geschwister zu beruhigen und legte ihren Arm um Mounas Schultern. »Meine geliebte Enkeltochter, ich denke, Hannah würde sich als Zeichen unserer Gastfreundschaft über ein Glas Tee freuen.«
»Na gut«, murmelte Mouna und sprang enttäuscht auf. »Ich merke, wenn ich unerwünscht bin.« Mit diesen Worten hob sie ihre Abayah auf und zog sich das bodenlange, dunkelblaue Gewand über den Kopf. Etwas irritiert sah Hannah ihr dabei zu und verschluckte sich fast, als darunter eine enganliegende aprikosenfarbene Bluse und eine noch engere verwaschene Jeans zum Vorschein kamen.
Ihr Blick glitt zwischen der alten Frau und Mouna hin und her, was dem etwa gleichaltrigen Mädchen nicht entging. »Umma ist fast blind«, flüsterte sie ihr verschwörerisch ins Ohr. Kichernd richtete sie sich zu ihrer vollen Größe von geschätzten 1.54 m auf, den strafenden Blick ihres Bruders ungerührt ignorierend.
»Was? Ich mache unseren Gast nur mit den Traditionen unserer Familie bekannt.« Völlig unbeeindruckt von seinem Schnauben wandte sie sich wieder zu Hannah.
»Unsere Familie und auch Großmutter – wir sehen das alles nicht so verbissen, das wirst du bald feststellen. Die schwarzen, grauen oder dunkelbraunen, körperlange Jilbabs und Abayahs tragen wir nur in der Öffentlichkeit. Diese Kleider sollen die Körperlinien der Frau und damit alle weiblichen Attribute ihrer Figur verstecken. Aber in Wirklichkeit sind diese Gewänder eine von den Männern idealisierte und befohlene Kleidervorschrift, um sie selbst vor ihren lüsternen Wünschen und Ausschreitungen zu schützen.«
»Mouna«, schnitt Hakim ihr liebenswürdig das Wort ab, »schieb deinen reizenden Hintern in die Küche. Wenn der Tee fertig ist, wird Umma auch bereit sein. Und dann kannst du Hannah meinetwegen deine ganzen feministischen Ideen erzählen, sofern sie denn interessiert ist. Aber jetzt verzieh dich.«
Völlig unbeeindruckt von der Rüge zuckte Mouna mit den Schultern und zwinkerte Hannah verschwörerisch zu.
»Hakim, denk daran, dass du mir versprochen hast, mich morgen zu Riahs Hennatag zu begleiten. Und bring Hannah mit! Ich bin sicher, dass es ihr gefallen wird. Also dann, bis gleich.«
Nachdem sich die Küchentür hinter ihr schloss, durchdrang die melodiöse Stimme der alten Dame die Stille. »Hannah, setz dich bitte neben mich«, bat sie.
Kurz darauf fühlte Hannah Azals warme Hände, die sanft den Konturen ihres Gesichtes folgten und ihr Haar berührten. »Du bist ein außergewöhnlich schönes Mädchen«, murmelte sie. Dann griff sie nach Hannas rechter Hand und drehte die Handfläche nach oben. Tastend strich sie mit ihren Fingern über die Linien in der Handmitte. »Unter welchem Stern bist du geboren, meine Tochter?«, fragte sie leise. Auf Hannas erstaunten Blick antwortete Hakim an ihrer Stelle.
»Hannah ist Jüdin, Umma. Sie glauben nicht wie wir an die Sterne.«
 
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