Kurzgeschichten

1. Engelchen oder Biest?
2. Fly me to the moon…
3. Bienvenido a España!
4. Die himmlische Macht der Frauen

 


 

Engelchen oder Biest?

 

Heute bekam ich eine ganz liebe E-Mail von einer Leserin, in der sie mich fragte, wie ich mich fühle, wenn die letzte Seite eines Romans fertig geschrieben ist. Was empfinde ich, wenn das Wort „Ende“ getippt ist? Bin ich dann traurig oder erleichtert? Eine sehr interessante Frage. Wenn mein Mann sie beantworten müsste, würde er, ohne mit der Wimper zu zucken, sagen: „Beides und noch viel mehr“, da der Mann meines Lebens mich an solchen Tagen immer sein Biestiges Engelchen nennt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass er damit recht hat.
 
Eine Geschichte aufzuschreiben, ist eine magische Reise in die Welt meiner Fantasie, in die ich tief eintauche und die mich nicht mehr loslässt, bis das magische Wort „Ende“ auf der letzten Seite steht. Danach spielen kurzfristig meine Hormone verrückt. Doch in der restlichen Zeit vor dem „Ende“ bin ich eigentlich ziemlich pflegeleicht. Im Schnitt schreibe ich etwa vier Monate intensiv an einem Roman. Ich bin ein Nachtschreiber, darum verrichte ich am Vormittag alltägliche Arbeiten. Erst um 15 Uhr setze ich mich ins Arbeitszimmer an meinen Computer, zünde eine Duftkerze an und schreibe bis circa zwei Uhr nachts. Während des Schreibens trinke ich literweise Tee: Jasmintee, Holunderblütentee, Rooibos mit Vanillearoma oder marokkanischen Minztee. Ich glaube, die nette Dame vom Teeladen schließt mich mittlerweile in ihre Nachtgebete mit ein.
 
Wenn ich nicht am Manuskript schreibe, gehe ich meinem „Brötchenjob“ nach und arbeite am Flughafen. An diesen Tagen stehe ich auch brav am Herd und koche für meinen Mann. Hat er jedoch Nachtschicht, gebe ich mich ungehemmt der Sünde hin und bestelle Fast Food bei meinem Lieblingslieferboten Jiang vom Chinarestaurant aus unserem Dorf. Nachdem ich den letzten Band der „Jade Trilogie“ beendet hatte, erklang bei meinem nächsten Anruf allerdings nur Jiangs fröhliche Ansage vom Band: „Wegen Betriebsferien sechs Wochen geschlossen“. Ein paar Tage später erhielt ich eine Ansichtskarte aus Hong Kong, die mich doch etwas ins Grübeln brachte und mich in dem Vorsatz bestärkte, wieder selbst den Kochlöffel zu schwingen.
 
Abgesehen davon war ich bis dato ein „Engelchen“ ohne nennenswerte Gefühlsaufwallungen, die den lieben Göttergatten in die Flucht jagen könnten. In den vier Monaten habe ich mit meinen Protagonisten mitgelacht, mitgelitten, geweint und geflucht und neue Handlungsstränge gewoben und manchmal auch wieder verworfen. Alle Figuren aus meinen Romanen sind mir ans Herz gewachsen, aber mein absoluter Lieblingsprotagonist ist immer noch Sebastién aus Band 3 der Dreamtime-Saga „Die Kristallinsel“. In den bin ich (abgesehen von dem eigentlichen Mann meines Lebens) immer noch ganz schrecklich verliebt. 😉
Erst wenn es auf das letzte Kapitel zugeht, werden meine Nerven dünner.
 
Zuerst setzt meine Denker-Phase ein: Sind alle Fäden miteinander verknüpft? Ist das Ende schlüssig? Und dann ist der unausweichliche Zeitpunkt gekommen. Mit Gänsehaut, gleichzeitiger Wehmut und manchmal, wie z.B. bei „Chamsa“, tippe ich mit Tränen in den Augen das magische Wort „Ende“ in die Tastatur. Danach starre ich lange Zeit auf den blinkenden Cursor. In diesen Momenten fühle ich mich immer seltsam leer – und gleichzeitig erleichtert. Es ist wie ein Traum, aus dem man nur unwillig erwachen möchte, weil man ihn noch eine Weile festhalten möchte. Das ist Phase zwei, die wie ein überschäumender Hormoncocktail wirkt.
 
Dabei werde ich kurzfristig zum biestigen Engelchen, das am Rand des Wahnsinns herumhüpft und dem Göttergatten ein Loch in den Bauch fragt: Findest du die Geschichte wirklich gelungen? Können sich die Leser in meine Protagonisten einfühlen? Können sie die Magie der Liebe fühlen, die ich geträumt, gefühlt und aufgeschrieben habe? Ist die magische Reise meiner Fantasie geglückt und vermag sie, die Leser zu entführen in eine Welt, in der nichts ist, wie es scheint, und doch alles so, wie man es sich insgeheim wünscht?
 
Nachdem der Mann ihres Lebens zwanzigmal ergeben genickt hat, setzt beim Engelchen Phase drei ein. Darin quält sie ihn unbarmherzig mit ihren Selbstzweifeln; an ihrer Art zu denken, ihrem Schreibstil und ihren Ängsten, ihre Träume mit der restlichen Welt zu teilen. An Tagen wie diesen ist das „Engelchen“ am liebsten alleine. (Computer sind weniger empfindlich als Ehemänner, wenn man plötzlich ohne Grund in Tränen ausbricht …)
 
Darum hat der Mann ihres Lebens mit seinem Engelchen ein stillschweigendes Übereinkommen getroffen: Sie gibt ihm Bescheid, bevor sie mit der letzten Manuskriptseite beginnt, damit er Zeit hat, seine Tasche zu packen. Und wenn Engelchen dann das magische Wort „Ende“ schreibt, denkt er an sie, wenn er im Fitnessstudio ist …

 


 

 

Fly me to the moon…

 

Dieses Bild hat mein Lieblingskollege Sergio Armando Forero aufgenommen, der ein begnadeter Fotograf ist und gestern frecherweise frei hatte – ich leider nicht! Wie mein Arbeitstag so war… mhm, mal überlegen:
 
Laut meiner statistischen Berechnung sind Dänemark, Norwegen, Schweden und England komplett leergefegt; denn all die lieben Menschen sind hier – in Alicante. Zwecks Sparmaßnahmen der spanischen Regierung ist die Klimaanlagenluft in öffentlichen Gebäuden wie unserem Flughafen, auf 26 Grad deklariert. Dazu gesellt sich die endlose Schlange wartenden Touristen, ihr heißer Atem, die süßen bis schweren orientalischen Parfüms, wabernde Windelausdünstungen rosabäckiger Babys und anderen Körperausdünstungen, zwecks fehlendes Deos, die unseren Flughafencounter umzingeln. Das rundet die 26 Grad auf gefühlte 39,5 Grad auf. Ich merke, wie sich einzelne Schweißperlen langsam von meiner Stirn lösen, sich zaghaft um meine Ohrringe schlängeln und dann in einem stetigen Rinnsal in meinen BH rollen. Wenn ich jetzt angeben wollte, würde ich erzählen, dass es ein hauchzartes spitzenverziertes, champagnerfarbenes Dessous von Victoria Secret, oder wie der Laden auch heißt, war; aber nein: ist nur ein stinknormaler von C&A 🙂 Aber ich schweife ab, weiter zu meinem „Lucky Day“.
 
Die skandinavischen Mütter sind sehr stolze Mütter. Bevor sie uns den Reservierungsvoucher für ihren Mietwagen geben, heben sie voller Stolz ihren Nachwuchs hoch und setzen ihn dann mit Vorliebe auf unseren Counter. Kurzfristig wird mir schwammig vor Augen, da für mein dafürhalten ein dringender Pittstop der vollen Windel nötig wäre. Aber na gut; da ich nur über die Erfahrung von zwei sprechenden Wellsittichen und einen egozentrischen Foxterrier mit eigenem Kopf verfüge, zählt meine Meinung hier wahrscheinlich nicht viel. Was mir allerdings nicht so gut bekommt, ist der schokoladenbespritzter, krümliger und leicht sabbernder Finger von dem entzückendem Kleinkind, der sich langsam versucht in mein Ohr zu schlängeln. Die Mutter findet das lustig, ich falle bei dem Versuch auszuweichen, fast vom Stuhl. Kurz darauf landet der erste sabbernde, braune Tropfen auf meiner heute Morgen erst frisch gestärkten und gebügelten Arbeitsbluse. Irgendetwas Körniges ist auch dabei. Zarte Mandelsplitter, geröstete Haselnüsse, gebrannte Haferflocken? Auf jeden Fall unübersehbar etwas Nussiges.
 
Es gibt aber auch schöne Seiten bei der Arbeit auf einem Flughafen. Das Tolle an meinem Job ist, das ich zwischen den Verträgen immer wieder einen Blick in die Schlange der wartenden Touristen werfen kann und so einen kostenlosen Einblick auf die neuesten Modetrends der Welt erhasche. In den skandinavischen Ländern ist anscheinend ein neuer Frauen-Frisurenlook ausgebrochen: im Nacken kahlrasiert, nach oben hin etwas länger und der Pony fällt in zwei geringelten Locken -wahlweise in Tomatenketschup -Rot, safrangelb oder schockigem Barbie-Pink- rechts und links bis über die Ohren. Bei den wackelnden Zehen der englischen Ladies entdecke ich ein schrilles Lemongelb, neben einem phosphorzierenden Neongrün und einem elektroschockenden Metallicblau. Dazwischen tummeln sich weiße Tennissocken in Birkenstocksandalen.
 
Als krönender Abschluss dann zu meinem letzten Gast. Beim bezahlen mit seiner Kreditkarte zeigte das Lesegerät „Operation Denegada – Code 190“ an. Denegada bedeutet abgelehnt und 190 ist der internationale Bankcode, dass das Konto nicht mit dem entsprechendem Geldbetrag gedeckt ist. Wenn mir das passieren sollte, würde ich wahrscheinlich im Boden versinken und mein Gesicht die Farbe eines feurigen Rubinrots annehmen. Doch der Norweger beschloss stattdessen mich anzuschreien, dass es meine Schuld sei. Hätte er mir mal sein Bankkonto anvertraut – dann wäre es nicht in den roten Zahlen. Mein eigenes Konto weist zwar keine Millionen auf – ist aber niemals überzogen! Gut, ohne Geld kein Auto. Er dackelte dann ab und schrie danach wahrscheinlich den Busfahrer an…
 
Nachdem meine Schicht zu Ende war, fuhr ich beschwingt die 30 Minuten nach Hause. Ich hatte mir fest vorgenommen mindestens ein Kapitel meines neuen Romans zu schreiben. Aber dann saß ich vor meinen PC und war blank – wie ausgelutscht. Ich versuchte verzweifelt den Protagonisten meines neuen Romans auf einem regnerischen Felsenkliff zu einer erotisierenden Handlung zu animieren – stattdessen spukte mir andauernd der schokoladenumrankte Finger des rosigen Kleinkindes im Kopf herum.
Nach zwei Stunden gab ich mich entnervt geschlagen, machte den Computer aus und begab mich in die Küche, um mir ein Nutellabrot zu schmieren…

 


 

 

Bienvenido a España!

 

Wenn man sich entscheidet in der Hochsaison zu verreisen, dann muss man sich innerlich wappnen, dass man – egal wo – Schlange stehen muss. Sei es zum Flug einchecken, im Stau auf der Autobahn – oder bei uns – am Flughafen-Counter einer Autovermietung in Alicante.
Ich persönlich liebe Flughäfen. Das Gewusel in der Ankunftshalle hat seine ganz eigene Atmosphäre. In der Hochsaison landen viele Flüge fast zeitgleich und so entsteht eine äußerst interessante Mischung der verschiedenen Menschen und Kulturen in der Warteschlange. Und jeder von ihnen hat eine andere Art des Wartens.
Spanische Kunden sind in der Regel Manager, von den umliegenden Inseln. Man erkennt sie an ihrem Blick, der alle fünf Minuten auf ihre Armbanduhr fällt. Sie wollen einfach nur schnell die Autoschlüssel und dann zu ihrem Geschäftstermin fahren.
Schweden, Dänen und auch die Norweger sind ein sehr kontaktfreudiges Volk und so entsteht unter ihnen innerhalb kürzester Zeit ein reger und fröhlicher Gedankenaustausch.
Englische Gäste begrüßen uns, indem sie ihre dampfenden Kaffeebecher vor uns auf den Tresen abstellen. Der stammt aus der benachbarten Cafeteria und hilft ihnen, zumindest halbwegs lebend ihren ersten Urlaubstag zu überstehen, denn ihre Reise beginnt meistens zum Gong der Geisterstunde. Das Ryanair seine Gäste bevorzugt zur mitternächtlichen Geisterstunde durch die Lüfte schwingt, hat einen einfachen Grund: die Landegebühren sind nachts auf den Airports billiger.
Männliche Amerikaner sind fast immer Golfspieler und in kleinen Gruppen unterwegs. Sehr freundlich und manchmal ist sogar ein schnuckeliges Exemplar aus der Marlboro-Werbung darunter. (nur gucken… nicht anfassen…)
Es gibt aber auch Nationalitäten, die es hassen in einer Warteschlange zu stehen.
Wenn diese Kunden an der Reihe sind, knallen sie wütend den Voucher auf den Tisch und begrüßen uns mit den Worten: »ich stehe jetzt geschlagene zwei Stunden an, eine Frechheit ist das!«
….????
Unauffällige schiele ich auf die Anzeigetafel. Die Timeline auf dem großen Flughafenmonitor zeigt an, dass dieser Flug vor genau 25 Minuten gelandet ist.
Nun gut, vielleicht liegt sein Land in einer zeitversetzten Zone.
Ich begrüße ihn und werfe einen vorsichtigen Blick auf die vierköpfige Familie vor mir. Der Mann hat einen Gesichtsausdruck, als hätte gerade eben jemand seine Großmutter ermordet.
Ich versuche immer, mich in die Gäste hineinzuversetzen.
Vielleicht hatte der Mann an seinem letzten Tag noch Stress auf der Arbeit. Die Ehefrau hat die letzten Tage mit Kofferpacken und einem schreienden, zahnenden Baby verbracht, das scheinbar ein Nachzügler war. Und der 17 jährige, pubertierende Sohn hatte höchstwahrscheinlich seine Techno-Musik auf die lauteste Stufe gestellt, um seinen Unmut kund zu tun, mit seinen alten Eltern verreisen zu müssen, obwohl er viel lieber mit seiner neuesten Flamme im Dunkeln rumknutschen würde.
Als der liebende Familienvater dann endlich den Mietvertrag unterschrieben hatte, ging es auf unserem Parkplatz weiter. Viele haben mit ihrem Mietwagen einen Kindersitz reserviert. Den müssen sie allerdings selber im Auto montieren, da wir aus versicherungstechnischen Gründen nicht die Verantwortung dafür übernehmen dürfen. Zwischenzeitlich habe ich mitbekommen, dass die süße Tochter auf den Namen Chantal hört. Ich suche ihr einen besonders schönen und pinkfarbenen Kindersitz aus und überreiche ihn ihrer Mutter.
Dann geschieht folgendes:
Die Mutter schleift den Kindersitz zum Leihwagen. Ihr Ehemann, in sehr engen Shorts mit weißen Tennissocken, in feschen Birkenstocksandalen, ächzt unter den zahlreichen Gepäckstücken, die nicht in den Kofferraum passen wollen. Ein Kofferrad rollt über Muttis rosafrisch lackierten Zehennagel, was zu ersten, zärtlichen Beschimpfungen der Eheleute führt. Unterdessen hat sich das leicht sabbernde, weil zahnende Kleinkind, aus dem Buggy gerollt und robbt langsam auf ihren 17jährigen Bruder zu. Dieser steht etwas abseits, wohl hoffend, dass niemand ihn mit dieser „Adams-Familie“ in Verbindung bringt.
Dann ein Aufschrei: »Aaaaah…«
Klein Chantal hat ihren einzigen Milchzahn in die rechte Wade ihres Bruders geschlagen und klatscht vor Begeisterung in ihre kleinen Händchen. Dieser hingegen sucht einen Baum, an dem er dieses Zombie – Baby anbinden kann und es erst auf der Heimreise in 14 Tage wieder befreien wird. Dann ein nächster Aufschrei, diesmal vom Ehemann: »Schei… wie funktioniert dieser verdammte Kindersitz, wo kommt hier der beschie…. Gurt rein?«
(in dem Schlitz, wo er in allen, weltweit- und Standard- genormten Babysitzen reinkommt?!)
Die Mutter stürmt zurück in unser Büro und gibt die liebevolle Frage ihres Angetrauten an mich weiter. Ich habe selber keine Kinder, versuche aber, es ihr in einfachen Sätzen zu erklären. Als Dank sprühen aus ihren Augen glimmende Funken.
»Sie meinen wohl, dass sie es besser können, was? Und denken Sie etwa, dass mein Mann unfähig ist und nicht weiß, wie man einen Kindersitz anschnallt?«
»Äh…?!?… « (Mein Mann sagt immer, dass mein Gesicht sehr aussagekräftig ist, wenn ich verärgert bin, also versuche ich ein reizendes Lächeln auf meine Lippen zu zaubern).
Ich sehe die Fragestellerin an und mein Kundenservice-Benimm-Kurs vom letzten Jahr schießt mir in den Sinn. Also schüttele ich servicebewusst und vorsichtshalber verneinend den Kopf.
Wütend stürmt sie aus dem Büro.
Nach ungefähr 40 Minuten – und liebevoll durch die Garage hallenden Schimpftiraden – fährt der Ehemann schlussendlich mit dicken Schweißperlen auf seiner Stirn aus dem Parkhaus.
Vorsichtig gleitet mein Blick über meine Schulter zurück zum Parkplatz, von der leisen Angst beschlichen, dass sie in ihrem liebevollen Miteinander vielleicht etwas vergessen haben. Dann atme ich erleichtert auf. Der pinkfarbene Kindersitz ist weg und klein Chantal sehe ich auch nirgendwo mehr herum robben.

 


 

 

Die himmlische Macht der Frauen

 

Ich arbeite am Alicante Flughafen am Check-In Schalter einer großen Autovermietung. Im August stehen teilweise Menschenschlangen von bis zu 100 Personen vor unserem Counter, weil viele Flüge zeitgleich landen. Um einen Vertrag abzuschließen, brauchen wir jeweils ein paar Privatdaten. Wir verkaufen ja kein Brot, sondern vermieten Autos, die einen gewissen Wert haben. Laut unserem Handbuch dauert der Vertragsabschluss, bis zur Überreichung des Wagenschlüssels, circa fünf Minuten.
Prima, dann kommen wir jetzt zur Realität. Vor mir steht ein Engländer. Nennen wir ihn Richard. Nach ausfüllen der Eckdaten frage ich ihn: “Bitte ihre Telefonnummer, für Notfälle.” Leichte Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn.
“Ja… also… Moment… nein. Ich habe ein Handy. Aber die Nummer weiß nur meine Frau.”
“Und wo ist ihre Frau?” “Na, sie steht natürlich am Gepäckband und wartet auf unsere Koffer.” (…also bei unseren Reisen holt immer mein Mann die schweren Koffer vom Band. Aber jedem das seine…)
Somit haben wir schon 5 Minuten Verspätung bei unserem Vertragsabschluss.
Die Wartenden hinter ihm beginnen schon leicht mit den Hufen, pardon, mit den Füssen zu scharren. Ich: “Ich brauche bitte ihre Urlaubadresse hier in Spanien.” (Jetzt schwillt vor Aufregung seine Hauptschlagader am Hals an…)
“Also, das hat alles… das hat meine Frau gebucht. Ich hatte damit gar nichts zu tun. Ich weiß den Weg, um dahin zufahren. Aber der Name fällt mir gerade nicht ein. Es ist aber hier irgendwo in Spanien.” (Ja, das habe ich mir fast gedacht, denn wir sind in Spanien…)
Ich: “Lassen sie mich raten, wir müssen auf ihre Frau warten, richtig?” “Ja… ich denke.”
“Gut, dann brauche ich jetzt ihren Pass oder Ausweis.” (Jetzt brach ihm der Schweiß aus allen Poren aus. Er musste es auch gar nicht mehr sagen, ich wusste, wo er war.) “Lassen sie mich noch mal raten. Ihr Pass ist am Gepäckband, zusammen mit ihrer Frau, richtig?” Richard nickte schweißgebadet.
In der Warteschlange hinter ihm sah ich vereinzelte Blicke der Mordlust aufblitzen. Und dann endlich……………. Eine Frau taucht mit einem völlig überladenden Gepäckwagen und einem kleinen, sich gerade warm schreienden Baby auf dem Arm auf. Nennen wir sie Chantal. (Ich weiß nicht welches Gesicht roter war. Das des weinenden Babys, -nennen wir sie Brigitte- oder das der Mutter, die gerade den halben Haushalt auf den Gepäckwagen gehievt hatte.)
Richard winkt sie hastig heran. “Jetzt komm doch endlich. Warum brauchst du nur immer so lange. Trödel doch nicht so.” (Ich habe beileibe keine aggressive Ader, aber wenn ich gerade geschätzte 50 Kilo vom Gepäckband gezogen habe und mein Mann mich mit diesem Wort begrüßt, dann würde ich ihm so gegen sein Schienbein treten, das er das so schnell nicht wieder vergießt.) Chantal kam dann zum Counter und wusste o Wunder die Handynummer auswendig.
Ich: „Dann bitte noch die Urlaubsadresse.“
“Oh… die kann ich nicht aussprechen. Haben sie etwas zum schreiben da?” (Kein Problem, nach jetzt mittlerweile schon 10 minütiger Wartezeit habe ich auch das.) Ganz langsam wehte mir eine Duftwolke in die Nase. (Schätze, das Brigittelein dringendst eine neue Pampers brauchte.) Chantal dachte, dass sie nun nicht mehr gebraucht werde.
“Okay Richard. Ich gehe auf die Toilette, das Baby neu wickeln.”
Richard erwachte zu neuem Tatendrang und schaute mich und den Wagenschlüssel erwartungsvoll an.
Ich: “Bitte geben sie ihre Pin Nummer für ihre Kreditkarte ein und drücken sie dann den grünen Ok – Knopf.” “Chantaaaaaaaal…………………….!!!!!!!!”
Die Angebetete – sowie auch die Wartenden hinter ihm – hatten jetzt absolute Mordgedanken, die sich nun offen in ihren Gesichtern wiederspiegelten.
“Kannst du wirklich nichts – gar nichts – alleine machen? Das darf doch nicht wahr sein?” “Sprich nicht in diesem Ton mit mir. Ohne mein Gehalt hätten wir uns diesen Urlaub gar nicht leisten können. Denn du liegst ja mit deinem Hintern nur faul zu Hause auf der Couch rum.” (Das war das, was mir noch fehlte. Ein Familiendrama a la Anna und die fehlende Liebe – oder wie heißt diese Serie?)
Chantal erbarmte sich dann doch, kam und drückte den richtigen Pin Code ein.
“Jetzt werde ich das Baby wickeln gehen”, sagte sie und rauschte grollend ab. (Ich war ihr dankbar, denn der Geruch von Brigitteleins Windeln machte mich kurzfristig schwammig vor Augen. Trotzdem überkam mich kurzfristig Panik – dass sie mich erneut mit Richard allein ließ. Denn der Vertrag war ja immer noch nicht abgeschlossen. Aber da mussten wir jetzt noch durch…)
Er schaffte es tatsächlich alleine zu unterschreiben. Da ich mittlerweile jedoch stark an Richards IQ zweifelte, versuchte ich es ihm so leicht wie möglich zu machen. Dreimal erklärte ich ihm den Weg und die Parkplatznummer. Zur Sicherheit markierte ich die die Nummer auf seinem Papier noch gelb an und übergab ihm die Schlüssel.
Aber denkt nicht, dass dieses schon das Ende war. Richard war mein letzter Gast. Ich hatte jetzt Dienstschluss und begab mich zu meinem Wagen, der auch auf unserem Mietwagenparkplatz steht. Und da hörte und sah ich sie beide schon von weitem.
“Das kann doch nicht sein, das du die Parkplatznummer nicht weist?” “Doch, ich schwöre dir, die Dame am Counter hat es mir nicht gesagt.” (????…. doch, sogar gelb gemarkert. Das einzige, was Richard sich selber merken musste. Und auch das hat nicht geklappt. Nun ja..) Ich erbarmte mich und schlenderte langsam auf sie zu. Fest blickte ich Chantal in die Augen. Sie würde mich verstehen, da war ich mir sicher.
“Gehen sie zum Parkplatz 608. Da wartet ihr Wagen auf sie.”
Dankbar nickte sie mir zu.
“Und warum haben sie mir das eben am Schalter nicht gesagt”, rief Richard mir erbost hinterher. Seufzend gab ich es auf und wünschte ihnen einen schönen Urlaub. Es ist bemerkenswert, wie absolut unwissend und hilflos einige Männer ohne ihre Ehefrauen, bzw. Lebensabschnittsgefährtinnen, sein können. Mir lag auf der Zunge, dass er vorsichtig sein solle, Chantal im Urlaub nicht zu verlieren. Denn ich glaube nicht, dass er die Heimreise nach London alleine überleben wird.
Und so liebe Lesefreunde, entstehen die Warteschlangen vor den Kassen oder den Flughafen-Counter. Wenn ihr vielleicht auch vorhabt, in Urlaub einen Mietwagen zu buchen, dann denkt an mich und Richard. Denn unter 10 Gästen in der Warteschlange gibt es mindestens 3 Richards.
Im selben Augenblick ist es nicht sehr komisch. Aber wenn ich nach Hause komme, dann kann ich schon wieder darüber lachen.
 
Hoffe, ich konnte Euch auch ein wenig zum schmunzeln bringen.
Bianca

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